Lust und Last des Deutschseins

Schulsprecher Serkan Rahman, Politiker Tarek Al-Wazir, Lehrer Guido Steffens und Schulleiterin Christiane Rogler waren sich einig, dass es keine Schule ganz ohne Rassismus gebe.Foto: Georg

Offenbach - Es gibt keine Schule ohne Rassismus. Darin jedenfalls waren sie sich einig, die Diskutanten auf dem Podium der Rudolf-Koch-Schule. Bei der Frage „Deutsche, Türken, Italiener - über 40 Nationalitäten: Sind wir alle Deutschland?“, schieden sich die Geister.

Rund 100 Oberstufen-Schüler diskutierten diese Frage mit dem Politiker Tarek Al-Wazir, Schulleitung und Elternvertretern. „Ja, natürlich“, antwortete Al-Wazir. Der 38-jährige Chef der hessischen Grünen war einst selbst Rudolf-Koch-Schüler, lebt heute in Rumpenheim und reüssierte bei der Diskussion als Publikumsliebling. Der Doppelstaatler mit jemenitischem Vater hat sich „bewusst für Deutschland entschieden“. Um sich heimisch zu fühlen, müsse man sich wohl fühlen und akzeptiert werden, sagte er.

Bei der Podiumsdiskussion am Donnerstag wurde emotional, persönlich aber immer respektvoll diskutiert. Fast alle Beteiligten sprachen aus eigener Erfahrung über Integration. Laut Schulleiterin Christiane Rogler (46) stammen zwei von drei ihrer Schüler aus Migrantenfamilien. Bei der Diskussion wird klar: Viele glauben, dass sie nicht als Deutsche gesehen werden, auch wenn sie sich selbst so fühlen. „Viele urteilen nach dem Äußeren, ohne sich die Mühe zu machen, die Person kennen zu lernen“, beklagte der türkischstämmige Zwölftklässler und Schulsprecher Serkan Rahman (20). „Manche wollen sich gar nicht deutsch fühlen“, bemängelte dagegen eine Araberin aus dem Plenum, und kritisierte, dass viele Migranten zwar Rechte der Deutschen wahrnehmen würden, jedoch nicht die Pflichten. Als Beispiel nannte sie Eltern von Mitschülerinnen, die zu verhindern suchten, dass ihre Kinder an eigentlich obligatorischen Klassenfahrten teilnehmen.

Dass die in Deutschland herrschenden Rechte und Pflichten von allen akzeptiert werden, wünschte sich auch Schulelternbeirat Jörg Schickedanz (42), der mit der Frage, „ob ein bisschen Rassismus vielleicht gar nicht so schlecht sei“, das lebhafte Plenum weiter provozierte.

Christiane Rogler ist stolz auf ihre Schule, die zwar nicht frei von Konflikten sei. Doch jeder Form von Fremdenfeindlichkeit trete man sehr sensibel entgegen. Für das Gymnasium sind kulturelle Integration und Bekämpfung von Vorurteilen wegen der vielschichtigen Schülerschaft existenziell.

Die Rudolf-Koch-Schüler bekundeten ihre Zufriedenheit mit dem Ausgang der Diskussion mit tobendem Applaus. Man konnte sich darauf einigen, dass es notwendig sei, aufeinander zuzugehen und einander zu akzeptieren, wie Schulsprecher Rahman es formulierte.

Allerdings sollten keine „Extra-Tage“ notwendig sein, um solche Fragen zu diskutieren. Schüler forderten die Einbindung der Diskussionen in den Unterricht. Für den seit 2004 stattfindenden Projekttag „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage“ wurden 16 verschiedene Projekte für die Schüler ab der 8. Klasse angeboten. Al-Wazir steht dem Projekttag seit vier Jahren als Pate zur Verfügung. Die Patenschaft für das Projekt „Integration durch Sport“ haben die OFC-Spielern Suat Türker und Fouad Brighache sowie der Reha- und Konditionstrainer der Kickers, Bastian Kliem, übernommen. Die Promi-Sportler stammen selbst aus Migrantenfamilien und gaben Schülern den Rat, sich in einem Verein zu engagieren. Aus eigener Erfahrung wissen sie, dass dies die Integration fördere.

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