Ein Hort der Kontinuität

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Festakt: Dr. Karl Hainer ist in die Rolle des damaligen Darmstädter Geheimrats Merck geschlüpft und verliest zwischen andächtig zuhörenden Gemeindemitgliedern die Grundsteinurkunde.

Offenbach - Vor 100 Jahren wurde der Grundstein für die Lutherkirche an der Waldstraße gelegt. Gestern hat die Kirchengemeinde mit einem launigen Festakt und einem Gottesdienst an das Ereignis erinnert. Von Ramona Poltrock

Pünktlich um 10.30 Uhr drängeln sich die Gemeindemitglieder ins Foyer und bekommen eine szenische Darstellung präsentiert. Sie vermittelt ihnen einen Eindruck davon, wie das gewesen ist am 18. August 1912.

Wie damals spielt auch 100 Jahre später ein Posaunenchor zum Auftakt. Er leitet über zur Darstellung von Dr. Karl Hainer in der Rolle des Geheimrats Merck aus Darmstadt. Begleitet von Zwischenkommentaren von Pfarrer Ulrich Knödler erfahren die Gemeindemitglieder mehr über ihre Kirche. Das stehende oder auf den Treppen sitzende Publikum genießt den historischen Rückblick sowie die musikalischen Beiträge der Offenbacher Kantorei, unter Leitung von Friedemann Becker.

Kinderchor und Kinder der kirchlichen Kindertagesstätte

Nach dem Festakt geht es in den Kirchensaal hinauf, wo Knödler und seine Kollegin von der Schlosskirchengemeinde, Patrizia Pascalis, den Festgottesdienst halten. Nachdem der Kinderchor und Kinder der kirchlichen Kindertagesstätte gesungen und kleine Grundsteinchen vor dem Altar abgelegt haben, spricht Knödler: „Es war mir wichtig, heute diesen Gottesdienst zu halten. Vor allem wenn man sich die Fassade des Gotteshauses ansieht, die aussieht wie eine Burg oder eine Festung, wollte ich in der Predigt daran erinnern, dass wir Teil des wandernden Gottesvolks sind. Wir müssen ständig bereit sein für Veränderungen“, so der Pfarrer. In Zeiten der Mobilität gebe es stets die Sehnsucht nach Sicherheit und Kontinuität. Und das sei die Lutherkirche nun schon seit einhundert Jahren.

Das meint auch Hilde Schäfer. Unter Tränen erzählt sie, dass sie seit vielen Jahren sonntags nicht mehr in die Kirche gehen kann, obwohl sie es gern möchte und gar nicht weit weg wohnt. „Doch es ist mittlerweile einfach zu anstrengend.“ Mit der Kirche an der Waldstraße ist die 86-Jährige seit ihrer Geburt verbunden. Sie ist nicht nur in dem Gotteshaus getauft worden, sondern sie hat dort auch geheiratet, ihre Kinder taufen lassen, ihren Mann betrauert. Zusätzlich hat sie sich in ihrer nahe gelegenen Gastwirtschaft viele Jahre um das leibliche Wohl der Seelsorger der Lutherkirche gekümmert.

Regenwolken über den Besuchern

Für das leibliche Wohl ist auch gestern gesorgt. Nach dem Gottesdienst versammeln sich Kinder und Erwachsene auf dem Hof des Geländes. Doch noch während des Mittagessens ziehen sich dicke Regenwolken über den Besuchern zusammen und zwingen diese, sich auf die Veränderung einzustellen. Eilig schieben die Gäste die bereitgestellten Biertische und Bänke unter die aufgestellten Schirme oder suchen Schutz im Festsaal des Gotteshauses.

Trotz des Regens lassen sich die Gäste die Entdeckungsreise durch die Kellerräume der Lutherkirche, den Auftritt des Offenbacher Posaunenchors oder einer bulgarischen Kirchengruppe – die kurzfristig für die vorgesehene Band Nobody’s Perfect eingesprungen ist – nicht entgehen.

In zwei Jahren will die Kirchengemeinde an die Eröffnung ihres Jugendstil-Gotteshauses vor 100 Jahren feierlich erinnern.

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