Machtkampf in der Türkei

Zwischen Main und Bosporus

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Bei einer Demonstration türkischer Regierungsgegner wird dieses Banner hochgehalten, das Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan (links) und den Kleriker Fethullah Gülen zeigt. Letzterer macht Erdoğan inzwischen die Macht in Ankara streitig.

Ankara/Offenbach - Gleich neben dem Norma-Markt an der Offenbacher Waldstraße befindet sich der Eingang zu einer Institution, die seit fünfzehn Jahren ein anerkannter Träger von Bildungsarbeit vor allem für Kinder türkischer Einwanderer ist. Von Fabian El Cheikh 

Die Offenbacher-Bildungs-Akademie (OBA), die auch in Dietzenbach eine Zweigstelle betreibt, fördert den Nachwuchs mit Nachhilfeangeboten sowie Sprach- und Integrationskursen. Plakate im Empfangsbereich ermahnen die Eltern, die Ausbildung ihrer Kinder nicht aus den Augen zu verlieren: „Ein Mensch ohne Plan ist wie ein Schiff ohne Steuer“, heißt es da, oder „Um zu gewinnen, musst du die richtige Richtung einschlagen“.

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Hinter solchen philosophischen Sprüchen verbirgt sich eine von der Öffentlichkeit bislang kaum wahrgenommene Ideologie, die seit Dezember die politische Landschaft in der Türkei erschüttert. Der im Vorfeld der Kommunalwahlen im März ausgebrochene Machtkampf zwischen dem starken Mann der Türkei, Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan, und seinen innerparteilichen Widersachern, die der islamischen Gülen-Bewegung zugerechnet werden, stellt in türkischen Medienberichten selbst Besorgnis erregende Entwicklungen wie die Etablierung von Al Qaida-Gruppen in der syrischen Grenzregion in den Hintergrund.

Auslöser der Auseinandersetzung waren Korruptionsvorwürfe gegen mehrere mittlerweile zurückgetretene Minister der Erdoğan-Regierung. Sie und teilweise deren Söhne sollen in Schmiergeldzahlungen verstrickt sein und mit Goldtransfers die Sanktionen gegen den Iran unterlaufen haben. Gefolgsleute Erdoğans machen die im Westen bislang wenig bekannte religiös-soziale Bewegung des im US-Exil lebenden Predigers Fethullah Gülen für die Anschuldigungen verantwortlich. Wenn wie am vergangenen Wochenende Abgeordnete im türkischen Parlament um sich schlagen und sich mit Wasserflaschen, Taschen, Akten und sogar einem Tablet-PC bewerfen, dann ist dies der augenfälligste Beweis dafür, wie sehr die Emotionen hochkochen.

Globales Netzwerk für türkische Daspora

Der aktuelle Machtkampf ist ein Indiz für das gewachsene Selbstbewusstsein der mächtigen Gülenisten. Über Jahrzehnte hat Fethullah Gülen ein globales, informelles Netzwerk (türkisch: Cemaat – eine Bezeichnung aus dem Sufismus für „Gemeinschaft“) gestrickt, das mit Bildungseinrichtungen die türkische Diaspora und die Bevölkerung in der Türkei für ihre Ideale gewinnen will. Und um diese ranken sich zahlreiche Gerüchte. Die Bewegung wird als pazifistische und moderne islamische Antwort auf den weitaus extremeren Salafismus bezeichnet. Kritiker sehen in ihr dagegen eine sektenähnliche Organisation, die eine geheime islamistische Agenda verfolgt und den islamischen Weltstaat propagiert, ähnlich der mit ihr konkurrierenden und vom Verfassungsschutz beobachteten Millî Görüş.

Laut der evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) betreiben Gülen nahestehende Träger hierzulande bis zu 300 Nachhilfezentren, 20 staatlich anerkannte Privatschulen, viele Kitas sowie „ein kleines Medienimperium“ (taz), das etwa unter dem Dach der in Offenbach ansässigen World Media Group Zeitungen (Zaman), Radio- und Fernsehsender wie Ebru und Samanyolu sowie Zeitschriften vereint. Wie die Sendergruppe auf Anfrage bestätigt, gibt es unter den Gründern und Mitarbeitern Menschen, die sich der Bewegung verbunden fühlen. Die Zaman sei redaktionell jedoch unabhängig und lasse alle Meinungen zu Wort kommen.

Der interreligiöse und interkulturelle Dialog steht bei Vereinen wie dem Interkulturellen Dialogzentrum München oder dem Forum für Interkulturellen Dialog in Frankfurt und Berlin (FID e.V.) im Vordergrund. Gleiches gilt für den Offenbacher Fontäne- sowie dem Frankfurter Main-Donau-Verlag, die sich zwar zur Philosophie Gülens bekennen, ohne jedoch explizit Bezug auf ihn zu nehmen. Am bekanntesten dürfte die Deutsch-Türkische Kulturolympiade sein, die als Sprachwettbewerb und Brauchtumsfest für Jugendliche zum jährlichen Event geworden ist; die World Media Group wiederum hat sich durch Diskussionsrunden über Integration einen Namen gemacht.

„Baut Schulen statt Moscheen!“

Allein in Deutschland schätzen Experten die Zahl der Gülen-Anhänger auf mehrere zehntausend. In unzähligen Städten gibt es einen Nachhilfeverein, in dem Anhänger des Imams – so berichtete jüngst die „Zeit“ – versuchen, Nachwuchs für ihre Bewegung zu rekrutieren. Sie organisieren sich wiederum in Dachvereinen wie den Pangea-Bildungszentren. Anhänger leben in Wohngemeinschaften zusammen, die sich „Lichthäuser“ nennen, und in denen Jugendliche und Studenten unter spiritueller und geistiger Aufsicht nach den streng-konservativen Lehren des Meisters leben. Die Vereine geben sich weltanschaulich neutral, offen für Wissenschaften und sind an guten Schülern interessiert, die zu noch besseren gemacht werden sollen. Ein viel zitiertes Motto Gülens lautet: „Baut Schulen statt Moscheen!“

Nach Ansicht des wissenschaftlichen Referenten am EZW, Dr. theol. Friedmann Eißler, erhält das Netzwerk tatkräftige und finanzielle Unterstützung aus der mittelständischen türkischstämmigen Wirtschaft. Allein im 2010 gegründeten Bundesverband der Unternehmervereinigungen (BUV) sollen bundesweit zwanzig Mitgliedsvereinigungen mit mehr als 5 000 Unternehmen organisiert sein. Medienberichten zufolge nutzen die Gülenisten ihre weit verzweigte und heimliche Unterstützung zunehmend zur Einflussnahme in wirtschaftlichen und politischen Belangen auch innerhalb der Europäischen Union.

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Primär zielt das Netzwerk jedoch auf die Machtzirkel in der Türkei. Ministerpräsident Erdoğan hat seinem Rivalen am Mittwoch offen den Krieg erklärt. In einer Rede vor türkischen Botschaftern aus aller Welt in Ankara warf er Gülen vor, ein „Imperium der Angst“ zu führen. Dieses habe er „in der Justiz und der Polizei errichtet“. Infolgedessen versucht Erdoğan alle Gülen-Anhänger aus den höheren Rängen des Staatsdienstes zu entfernen. Der selbst umstrittene, weil zunehmend autoritär agierende Regierungschef rief die Diplomaten auf, in der Welt das „wahre Gesicht“ Gülens zu enthüllen. Die Botschafter sollten in den Staaten, in denen sie arbeiten, das „Ausmaß der Gefahr“ darlegen.

Sind die Anhänger tatsächlich eine Bedrohung für die freien Gesellschaften im Westen? Der hessische Verfassungsschutz hat, wie eine Anfrage unserer Zeitung ergab, keine Anhaltspunkte dafür. Man beobachte die Entwicklungen in der Türkei mit Blick auf die türkischen Mitbürger jedoch genau. Der Türkei-Experte Dr. Günter Seufert (siehe Interview) ist überzeugt: „Mit dem Appell an muslimisch-konservative Sittlichkeit kann in Europa kein politischer Einfluss gewonnen werden.“ Die Gülen-Bewegung habe niemals Gewalt angewendet oder mit Gewalt gedroht oder gespielt.

Dagegen bezeichnet die in Deutschland anerkannte und mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Frauenrechtlerin Serap Çileli Gülen auch wegen angeblicher Verbindungen zu Millî Görüş und den rechtsextremen türkischen Grauen Wölfen als „Wolf im Schafspelz“. Sie kritisiert, dass eine von der OBA organisierte deutsch-türkische Kulturveranstaltung in Offenbach im Februar 2013 von der AOK gesponsert und vom Oberbürgermeister besucht worden war. Niemand ahnte, schreibt Çileli auf ihrer Webseite, dass diese Veranstaltung letztlich der Feder Gülens entsprang.

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