Offenbacher Verein „Männerthemen e.V.“

Teufel in verschiedener Gestalt

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Der als Kind misshandelte „Adrian“ versteckt sich hinter einem selbstgemalten Bild. Irgendwann will er sich ähnlich offen zeigen wie der Sprecher von „Männerthemen“, Udo Gann.

Offenbach/Frankfurt - Auch in diesem Jahr erhält der Offenbacher Verein „Männerthemen e.V.“ 5000 Euro von der Kölner Bethe-Stiftung. Anlässlich der Spendenübergabe sprach der Repräsentant des Vereins, Udo Gann, mit der Stiftungsbeauftragten Monika Reiling  über das Thema Kindesmissbrauch. Von Stefan Mangold

Fast entschuldigt sich der Mann. Als Musiker habe er vielleicht einen melodramatischen Zug, aber am besten passe für ihn die Metapher der Hölle, wenn er ausdrücken solle, worin er vor sechs Jahren erstmalig blickte: „Über drei Tage lief vor meinem inneren Auge ein Film. Ich spielte die Hauptrolle.“

Die Szenen lagen Dekaden zurück. Unter den weiteren Darstellern befanden sich zwei Jugendsportleiter. Die Sportart soll nicht in der Zeitung stehen, „in Offenbach kämen sonst viele drauf, welchen noch Lebenden ich meine“. „Adrian“ nennt sich der Mann im Gespräch, so wie der Held im Roman Doktor Faustus von Thomas Mann. Der Komponist Adrian Leverkühn geht einen Pakt mit dem Teufel ein. Auch der Offenbacher lernte den Teufel in verschiedenen Gestalten kennen: als Vater, Opa, Mutter, als Jugendsportleiter und in Gestalt eines möblierten Herrn. „Missbrauch gehörte zur Familientradition“, sagt Adrian, der vermutet, dass sich schon sein Opa an Adrians Mutter verging.

Der 53-Jährige besucht eine der Selbsthilfegruppen, die Männerthemen e.V. anbietet. Seit Jahren unterstützt die Kölner Bethe-Stiftung den 2003 gegründeten Offenbacher Verein, der sich um Missbrauchsopfer beiderlei Geschlechts kümmert. Für 2014 gibt es 5000 Euro. Vorausgesetzt, Männerthemen e.V. gelingt es, innerhalb von sechs Wochen die gleiche Summer als weitere Spenden aufzubringen. Die Stiftungsbeauftragte Monika Reiling fragte Udo Gann (59), wie hoch der Anteil sexuell missbrauchter Kinder in Deutschland sei. Der schätzt, jeder zehnte Junge und jedes vierte Mädchen werde Opfer.

Von der Mutter als Spielzeug benutzt

So wie er selbst. Gann wurde schon nach wenigen Monaten von der Mutter als Spielzeug benutzt. Die setzte den noch hungrigen Säugling beim Stillen ab und legte seinen Kopf zwischen ihre Beine. Als er mit drei Jahren davon seinem Vater erzählte, meinte der, „alle Mütter spielen an ihren Jungs“. Die Mutter würgte daraufhin den kleinen Udo knapp bis zur Ohnmacht: „Das passiert, wenn du etwas erzählst.“

Die aktuelle Diskussion um einen Fall wie den Politiker Sebastian Edathy, der den Kauf von Fotos nackter Knaben in Kanada zugibt, spielt für die Betroffenen keine besondere Rolle. „In Selbsthilfegruppen reden wir nicht über solche Geschichten“, sagt Gann, „uns geht es um konkrete Opfer“.

Denen kann es für die Bewältigung ihrer Traumata egal sein, auf welcher Stufe der Empörungsskala sich die Gesellschaft gerade bewegt. Vor zwanzig Jahren hätte sich ein Edathy nicht verstohlen nach Übersee wenden müssen, sondern einfach zum Kiosk gehen können. Magazine wie „Sonnenfreund“ oder „Jung & Frei“ hätten ihn ähnlich unterhalten. Die Grünen mussten sich erst im jüngsten Bundestagswahlkampf mit ihrer Vergangenheit aus den 80er Jahren beschäftigen, obwohl sie unsägliche Themen wie Straffreiheit für „einvernehmlichen Sex mit Kindern“ einst im Scheinwerferlicht diskutierten. Nur regte das kaum auf und geriet deshalb in Vergessenheit. Die mediale Diskussion sorgt nicht unbedingt für höhere Sensibilität, wenn es gilt, den Fall von nebenan zu erkennen. „Die Leute denken, das passiert im Fernsehen, aber nicht bei uns“, spricht ein Beamter vom zuständigen Frankfurter Polizeidezernat K13 aus Erfahrung.

Zuhause setzt es Prügel

Zurück zu Adrian: Das Verdrängen scheint eine List der Evolution zu sein. Die meisten kindlichen Opfer sexueller Brutalität vergessen über die Jahre, was vorgefallen ist. Mit Anfang zwanzig hatte Adrian seine erste Freundin, „der Sex war lustfreie Quälerei“. Er bekam blutende Hämorrhoiden. Heute vermutet er, dass sich sein Körper an die Pein des Achtjährigen beim Analverkehr erinnerte. Das Duo der Jugendsportleiter empfand außerdem Freude, ihn bis zur Bewusstlosigkeit zu würgen. Schrecklich war das Erwachen. Dann hörte das Kind die Männer lachen. Ein anderes Mal nahm sein Vater teil.

Adrians Mutter vergriff sich methodisch ähnlich wie die von Udo Gann. Adrian tippt, es müsse in der zweiten Klasse gewesen sein, als er einem Lehrer davon erzählte. Der Pädagoge entschied sich für den größten Fehler, den er begehen konnte: Er fragte die Mutter, was an der Geschichte dran sei. Deren Antwort kann sich jeder denken. Zuhause setzte es Prügel, flankiert von der Drohung: „Noch einmal, dann bist du tot.“

Chronologie von Missbrauchsfällen

Chronologie der Missbrauchsfälle

Als Adrian im letzten Jahr die Mutter zufällig in der Fußgängerzone traf, sprach er sie an: „Ich weiß, was du getan hast.“ Sie sei sich keiner Schuld bewusst. Dann lief die 73-Jährige davon. Nach einem längeren Aufenthalt Adrians in der Psychiatrie meldete sich die Mutter nicht mehr bei ihrem Sohn, der nachts eine Beatmungsmaske trägt, weil er gefährliche Aussetzer beim Luftholen hat, die sich rein medizinisch nicht erklären lassen. Mittlerweile gehe es ihm besser, „an manchen Tagen spüre ich keine Angst“. Ihre Peiniger beurteilen Adrian und Udo Gann im Nachhinein fast unisono: „Es gab für sie kein Gut und Böse, nur ein ‘nutzt es mir oder nicht’“.

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