Magier an Knöpfen und Reglern

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Oliver Rüger mit seinen beiden wichtigsten Arbeitsutensilien: Gitarre und Mischpult. In die Saiten greift der Offenbacher unter anderem für Pop-Star Sasha. Die Knöpfe und Regler des Mischpults bedient er für zahlreiche Bands und Künstler, die im Tonstudio Bieber aufnehmen.

Offenbach ‐ Schon Johann Wolfgang von Goethes Titelheld „Faust“ klagte in der Tragödie erster Teil über die Unentschiedenheit seines Geistes: „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust!“. Von Ferdinand Rathke

Auch Gitarrist, Komponist und Produzent Oliver Rüger kann und will sich nicht für eine Seite entscheiden, wenn er bekennt: „Meine künstlerische Leidenschaft gehört dem Independent Pop, mein Geld verdiene ich jedoch mit Mainstream!“. Erfolge vorweisen kann der 40 Jahre alte, blonde Offenbacher in beiden Genres. Keine Plattenveröffentlichung einer Band aus dem Rhein-Main-Gebiet in jüngerer Zeit, bei der der allgegenwärtige Oliver Rüger nicht seine Finger mit im Spiel gehabt hätte: Formationen wie Velveteen, Sushi Mob, Emirsian oder Low 500 schwören auf Rügers geradezu magische Fähigkeiten, die er vor allem im hauseigenen Tonstudio Bieber entfaltet. Doch auch deutschlandweit populäre Pop-Schwerkaliber wie Sasha oder Max Mutzke schwören auf Rügers nunmehr rund zwanzigjährige Berufserfahrung.

Angesiedelt an der Aschaffenburger Straße im Offenbacher Stadtteil Bieber, herrscht im verwinkelten Studio, in dem vor mehr als 30 Jahren schon Produzentenlegende Frank Farian (Boney M., Milli Vanilli) diverse Welthits wie „Daddy Cool“, „Rivers Of Babylon“ und „Ma Baker“ einspielte, vor allem gemütliche Atmosphäre: Zwischen stets gefüllten Aschenbechern, halbleeren Getränkedosen und geplünderten Fast-Food-Verpackungen finden – falls die Muse gerade für ein kreatives Hoch sorgt - Aufnahmen rund um die Uhr statt. Wenn es sein muss, sogar mehrere Tage lang. Gefälligst draußen zu bleiben hat dann allerdings irritierendes Tageslicht. Zahllose Lichtblenden filtern allzu aufdringliche Sonnenstrahlen. Schon Frank Sinatra, die Beatles und die Rolling Stones bestanden ja darauf, erst gegen Mitternacht im Aufnahmestudio zu erscheinen.

Musikalischer Leiter in Sashas Begleitband

Es herrscht angenehme Zeitlosigkeit am späten Nachmittag, wenn sich Oliver Rüger in der durch dickes Glas vom Aufnahmeraum getrennten Kommandozentrale an Knöpfen und Reglern zu schaffen macht, um mit leidenschaftlicher Detailwut mit der Post-Produktion die Arbeit mehrerer Wochen zu einem Ende zu bringen.

Bei unserem Besuch war Rüger erst am frühen Nachmittag von einem mehrtägigen Aufenthalt in Soest zurückgekehrt. Dort lebt und arbeitet sein Kompagnon Michael Kersting - Entdecker, Mentor und Produzent von Deutschlands wohl vielseitigstem Interpreten: Pop-Sänger Sasha. In Kerstings Studio hat das Duo verschiedene selbst komponierte Songs für Max Mutzke fertig gestellt. Viel Schlaf gab es während der Aufnahme-Sessions nicht. Seit rund vier Jahren wirkt das ungleiche Gespann im Team.

Für Rüger ist bei der Kollaboration noch ein lukrative Zweitjob herausgesprungen: In Sashas Begleitband avancierte er zum musikalischen Leiter. Der Offenbacher sorgt für facettenreiche Arrangements, schreibt fabelhafte Songs wie das beatleske „Please, Please, Please“ und bereichert das Klangbild mit seinem sehr am Brit-Pop ausgerichteten Gitarrenspiel. Quasi als Nebenprodukt lieferte Rüger im Team mit Sasha auch noch das Titelthema zur im Privatsender Sat.1 wiederbelebten allwöchentlichen Sportsendung „ran“.

Oliver Rüger besitzt augenscheinlich viele Talente, aber hat nur kaum Zeit, sie in Ruhe umzusetzen. Ein Termin jagt den anderen. Heute hier, morgen dort. Aus dem ganzen deutschsprachigen Raum kommen mittlerweile Anfragen und Angebote. Der beinharte Anhänger der Offenbacher Kickers, der trotz stressigen Zeitmanagements kein Spiel seiner Lieblingsmannschaft zu verpassen versucht, hat sich längst daran gewöhnt, Dauerschicht zu arbeiten. Hielt er sich doch jahrelang, um seinen Traum als Profimusiker zu verwirklichen, mit einer Halbtagsstelle im Rettungswagen über Wasser.

„Es ist wie beim Lotto oder Roulette“

In jene Ära fiel auch sein erster ernstzunehmender Versuch, sich als professioneller Musiker zu etablieren: Mit der Hanauer Alternative-Pop-Formation Seesaw ergatterte er damals immerhin einen Vertrag beim Musik-Giganten Sony. Weitere Karrierestationen in Bands wie The Dalles folgten. Doch erst seitdem Oliver an der Seite von Publikumsliebling Sasha in die Saiten greift, lohnt sich das Geschäft auch finanziell.

„Eine ausgeprägte Spielernatur sollte einem Musiker schon inne wohnen“, betont Oliver Rüger im Brustton der Überzeugung, „sonst geht einem trotz Talent vorzeitig die Puste“ aus“. Viele hochbegabte Kollegen kreuzten schon seinen Weg, die mittlerweile längst in bürgerlichen Berufen agieren. „Es ist wie beim Lotto oder Roulette“, fährt er fort. Immer wieder einen neuen Versuch zu starten, muss einem im Blut liegen.

Im Laufe der Jahre hat der Offenbacher viele Songs komponiert, von denen einige das Zeug zum Hit gehabt hätten. Den Sprung in die Charts haben aber nur wenige geschafft. Doch es ist Rügers Leidenschaft für alles Musikalische geschuldet, dass er noch immer mitmischt. „Ich besuche noch immer sehr gerne Konzerte“, resümiert er sein Interesse am Beruf und seine Neugier auf den musikalischen Nachwuchs nachdrücklich. „Erst mit steigendem Bekanntheitsgrad wurde ich als Künstler wahrgenommen“, bilanziert das Multitalent seinen späten Aufstieg in Deutschlands Pop-Olymp. „Respekt folgt erst, wenn man sich einen gewissen Namen gemacht hat“, fasst er jahrelange Erfahrungen mit wenigen Höhen, aber umso mehr Tiefen zusammen und fügt hinzu: „Resigniert habe ich nie, doch Rückschläge und Enttäuschungen gab es zuhauf“.

Durchhaltevermögen zahlt sich nun aus

Geadelt fühlte sich Oliver Rüger jüngst, als eine seiner Aufnahmen für Emirsan das Soloprojekt von Harmful-Chef Aren Emirze, in die Hände des international renommierten New Yorker Produzenten Dave Sardy fiel. Sardy lobte die exzellente Aufnahmequalität – ein Ritterschlag, aus berufenem Munde. Doch solche Momente sind allzu selten: „Du arbeitest das ganze Jahr ohne Unterlass für die wenigen Wochen, wo ein Song sich in den Charts tummelt oder du dich auf Tournee befindest“, beleuchtet der Genussraucher seinen Alltag.

Doch das Durchhaltevermögen zahlt sich nun aus. Heute kann sich Rüger seine Jobs aussuchen, ohne dabei ständig Soll und Haben im Blick behalten zu müssen, wie noch vor Jahren. Gerade hat er eine neue Formation entdeckt, die er gerne produzieren möchte. Den Namen der Band hält er noch geheim. Doch bekundet die Tonträgerindustrie schon vehement Interesse.

Wenn alles klappt, wie er sich das vorstellt, dann wird demnächst im Tonstudio Bieber wieder über Wochen hinweg die Nacht zum Tage gemacht.

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