Aus Magnetfeld lösen

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Hier ist’s harmlos: Vermeintliche Fußballfans greifen einen Passaten an, den Kriminalhauptkommissar Peter Bender mimt.

Offenbach - Es ist alles nur gespielt: Da kommt er, dieser Typ. Setzt sich an der Haltestelle direkt neben sie, obwohl noch ein entfernterer Platz frei sind. Die Archivarin gehört nicht zu jenen, die Selbstbewusstsein ausstrahlen. Sie wirkt zurückhaltend, unauffällig. Von Stefan Mangold

Kaum sitzt der Mann, legt er den Arm um sie: „Na Süße, wie geht’s?“ Die Frau wendet sich ab, senkt den Kopf, schweigt. Der Mann spricht von der Kälte, die sich lindern lasse, „wenn wir uns aneinander kuscheln“. Eine hilfesuchender Blick. Eine junge Frau hat Ohrenstöpsel auf, bedient ein elektronisches Gerät. Eine andere beobachtet das Geschehen, wartet ab. Da kommt ein Mann, dessen Kopf bisher hinter einer Zeitung gesteckt hatte, grüßt die Frau und bietet an: „Kommen Sie doch mit. “ Erleichtert nimmt die Archivarin das Angebot an.

Es folgt die Analyse. Wie gesagt: Die Szene ist gespielt, auch wenn sie so oder so ähnlich überall passieren kann. In der Volkshochschule mimte gerade Kriminalhauptkommissar Peter Bender glaubhaft den Kotzbrocken und Yvonne Lahner die verängstigte Frau. Seit 2007 bietet die Stadt mit der Polizei in der kommunalen Präventionsarbeit „Gewalt-Sehen-Helfen“ Seminare, in denen Bürger den Umgang mit Gewalt geladenen Situationen in Rollenspielen üben. „Da uns interessiert, inwieweit die Teilnehmer das Gelernte anwenden können und wir ergänzende Unterstützung leisten möchten, haben wir das neue Workshop-Format für Fortgeschrittene entwickelt; es ist eine Art Auffrischung“, sagt Frank Weber, stellvertretender Leiter des Ordnungsamtes.

Präventionsarbeit „Gewalt-Sehen-Helfen“

14 Offenbacher nutzen die Gelegenheit. In der anschließenden Diskussion wirft jemand die Frage auf, was gewesen wäre, wenn der Mann die Frau verfolgt und dem Helfer verkündet hätte, dass es jetzt ordentlich was auf die Zähne gibt. Generell gibt Peter Bender zu bedenken: „Man kann sich nicht auf alles vorbereiten.“ Doch die Annahme sei nur bedingt wahrscheinlich. Denn ein Mann, der sich einer Frau auf die Art übergriffig nähere, „muss keinesfalls ein Gewalttäter sein“. Es spreche viel dafür, dass der unangenehme Zeitgenosse, den Bender eben noch spielte, sitzen bleibe und es bei einem frustrierten Zuruf belasse.

Am Morgen hatte die Gruppe den Gang eines Ehepaares vorbei an einer Horde besoffener und pöbelnder Fußballfans simuliert. Als Quintessenz lasse sich generell folgern: „Kein Einstieg ist der beste Ausstieg.“ Es empfehle sich, um die Gruppe einen Bogen zu machen, „um erst gar nicht in deren Magnetfeld gelangen“, wenn man aus der Entfernung schon die Stimmen höre. Ansonsten solle man sich nicht dazu hinreißen lassen, selbst verbal zu entgleisen und ebenfalls Beleidigungen auszusprechen. Benders Ratschlag: „Siezen Sie die Leute.“

Eine Alternative für die Frau an der Bushaltestelle wäre auch gewesen, andere direkt anzusprechen: „Können sie mir helfen?“ Es sei zwar eine gesellschaftliche Grundstimmung, möglichst autark alle Probleme zu bewältigen, was aber nicht bedeute, dass Angesprochene die Hilfe verweigerten. Später spielen noch zwei weitere Teilnehmerinnen die Rolle der Archivarin. Eine nimmt den Faden kurz auf, sagt „ja, das dauert, bis der Bus kommt“, steht auf und geht, ohne den Mann zu maßregeln.

Was die Frau nachholt, die sich anschließend hinsetzt. Als der Mann ihr den Arm umlegt, brüllt die „lassen Sie das“ und steht abrupt auf. Ein Patentrezept gebe es nicht, sagt auch Rupert Steegmüller, stellvertretender Vhs-Leiter: „Richtig ist, was von Herzen kommt.“ (www.offenbach.de)

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