Verteilte Knöllchen werden zurückgezogen

Mainstraße: Parken frei Schnauze erlaubt

Offenbach - Etliche Anwohner und Besucher der Mainstraße dürfen sich über ein verspätetes Osterei freuen: Sie brauchen bestimmte Strafzettel, die sie vergangene Woche erhalten haben, nicht zu bezahlen. Von Thomas Kirstein

Mit der Schnauze zur Straße parken ist kein Verstoß. 

Mainstraßen-Anlieger wie Peter Blänkle trauten ihren Augen nicht, als sie zu ihren Fahrzeugen kamen. Unterm Scheibenwischer klemmte ein Hinweis, dass mit einer gebührenpflichtigen Verwarnung zu rechnen sei. Der Vorwurf: Sie hätten ihr Fahrzeug nicht in der vorgeschriebenen Richtung geparkt. Blänkle hält das für einen Scherz – und kassiert am folgenden Tag noch ein Knöllchen. Die Parkbuchten in Höhe der ersten Hausnummern der Mainstraße sind im rechten Winkel zur Fahrbahn angeordnet. Ein blaues P-Schild gibt vor, dass auf den Gehweg zu fahren ist, die Schnauze des stilisierten Kompaktwagens deutet zur Hauswand. Textlich ist vorgegeben, wann Nicht-Anwohner einen Parkschein auslegen müssen; für Bewohner mit Ausweis „Bezirk H“ ist immer frei. Blänkle wohnt dort seit den 90ern und parkt seitdem bislang unbehelligt mit der Motorhaube zur Straße hin. So könne er, wie er sagt, besser in den bisweilen sehr starken Verkehr einfädeln; zudem sei das Be- und Entladen so viel sicherer, da sich niemand zum Einweisen auf die Fahrbahn stellen müsse. Sollte das aus bürokratischen Gründen plötzlich nicht mehr gestattet sein?

Wir fragen aufgrund seiner Beschwerde beim Ordnungsamt nach, dessen Mitarbeiter in der Mainstraße patrouillierten. Zunächst heißt es, man müsse sich bei der Straßenverkehrsbehörde schlau machen, aus welchen Gründen Rückwärtsparken dort untersagt sein könnte. (Ein entsprechendes privates Schild an der Hauswand gibt es übrigens nicht.)

Unsere parallele Recherche ergibt, dass die Straßenverkehrsordnung diverse Schilder kennt, die etwa vorgeben, ob komplett auf dem Gehweg parallel zur Fahrtrichtung oder nur mit zwei Rädern geparkt werden darf. Ein Gegenstück zur Tafel in der Mainstraße fehlt jedoch; das heißt, für 90-Grad-Buchten steht nirgends geschrieben, dass sie nicht mit dem Heck zum Gebäude hin genutzt werden dürften. Die Betroffenen konnten also gar nicht ahnen, dass sie in irgendeiner Weise gegen Vorschriften verstoßen hätten.

Nackt im Auto? Was im Verkehr erlaubt ist und was nicht

Haben sie auch nicht. Die Leitung des Ordnungsamts macht sich ebenfalls kundig: Es gibt keinerlei Einflussnahme der Straßenverkehrsbehörde. Und die Straßenverkehrsordnung hat keine Geheimnisse, die Bürgern zum Verhängnis wurden. Ordnungsamtschef Peter Weigand sagt offen: „Wir hatten dort einen übereifrigen neuen Mitarbeiter.“ Alle diesbezüglichen Verfahren würden eingestellt.

Peter Blänkle und die anderen zu Unrecht Verwarnten dürfen wohl auch davon ausgehen, dass die Überwacher des ruhenden Verkehrs dahin gehend belehrt werden, dass ihnen keine eigenmächtige Interpretation der Beschilderung zusteht.

Rubriklistenbild: © Symbolbild: dpa

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