Freud und Leid unterm Zeltdach

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Einige musikalische Auftritte fielen am Samstag dem heftigen Regen zum Opfer.

Offenbach - Sie sitzen eigentlich nur hier beisammen, „weil es so besser ist als alleine“, erklärt der Fotodesigner Hans-Jürgen Herrmann, warum er, die Schauspielerinnen Ulrike Happel und Sabine Scholz nebst dem Maler Andreas Masche unter dem Zeltdach wirken wie bestellt und nicht abgeholt. Von Stefan Mangold

Die Protagonisten des Projekts Bleichstraße 14H haben ihre „Kulturtafel“ längst geräumt, ehe der Regen sie aufweichen kann – die Broschüren und Artikel zum Theateratelier, das Ende August mit der Wiederaufnahme von „Gundula Ödmann Supergörl“ seine Sommerpause beendet. .

Mittlerweile regnet es schon traditionell ins Mainuferfest, dem Fest der Offenbacher Vereine. Jedenfalls kann sich Lutz Plaueln, der Vorsitzende des Jazz e.V., nicht auf die Schnelle an durchgehend trockene Konzerte am Lilitempel erinnern. Als die Jazzband Obertshausen am Mittag ihren Swing und Blues spielte, war es noch trocken. Abends steht das St. Street Quintett unter dem Zeltdach mit Jutta Klauer am Kontrabass, dem Kopf der Band. Sie spielen die Musik aus New Orleans der Jahre zwischen 1910 und 1930, die nach dem Krieg ein Revival erfuhr, erklärt Plaueln. Am Mittag hatten noch viele zugehört. Jetzt sind es wenige, die vor dem Regen geschützt im kleinen Zelt fürs Publikum sitzen.

Was den meisten Mitgliedern der Griechischen Gemeinde so langsam egal sein dürfte. Die befinden sich in der Erwartung des Spiels ihrer Mannschaft gegen Russland, dem ewigen Geheimfavoriten, der im ersten Spiel den Kollegen unter den Geheimfavoriten, die tschechische Republik, lässig ausgetanzt hatte. Die dürften gegen Griechenland, dem Topaußenseiter, keine Probleme haben, das Spiel zu schaukeln. Was Christos Michailidis, der Vorsitzende der Griechischen Gemeinde in Offenbach, vor dem Spiel nicht ganz so sieht. Unverdrossen hofft er auf das Standardergebnis, mit dem Griechenland 2004 sensationell den Titel gewann, „auf ein 1:0“.

Bilder vom Mainuferfest

Mainuferfest: Besucher trotzen dem Regenwetter

Das Match läuft im Fernsehen in einem Zelt an der Herrnstraße. Wenn Deutsche ein wichtiges Spiel in der Gruppe zusammen sehen, beginnen die Kommentare meist mit dem Anpfiff, dass die Ecken von Schweinsteiger in der Pampa landen und Podolski zusieht, dass niemand ihn auf dem Platz bemerkt. Die Griechen sind auffällig still. Nur ein paar Mädchen kreischen bei jeder russischen Chance, als säßen sie in der Geisterbahn. In den ersten Minuten haben sie mehrfach Grund zu schreien, weil die Russen über die Flügel anrennen, es im Strafraum jedoch immer vergeigen. Doch dann stellt sich heraus: Das Kreischen entspringt nicht nur dem Moment der Angst, sondern auch dem Augenblick der Hoffnung. Wenn ein Hellene im Mittelfeld mal nicht den Ball zu verlieren scheint, klingt es genauso schrill im Zelt wie bei den Versuchen der Russen. Nur als ein Grieche vor dem gegnerischen Tor nicht weiterkommt, weil ihn ein Abwehrspieler sperrt, äußerst sich auch mal ein Mann – mit blau-weißen Farben um den Kopf und einer kleinen Tochter auf dem Arm – lautstark. Als dann der eigene Stürmer drei Sekunden vor Ende der ersten Halbzeit den russischen Keeper tunnelt, folgt im Zelt endlich die erwartete Eruption.

Lutz Plaueln baut derweil ab. Der Auftritt des Duos Back Roots Two fällt ins Wasser, das der Zeltstoff nicht mehr abhalten konnte. „Zu gefährlich wegen der ganzen Elektronik.“ Plaueln bleibt gelassen, auch wenn er dem Text nicht zustimmen kann, den die Gruppe Schilling derweil im Hof des Büsing Palais trällert: „Heut‘ ist so ein schöner Tag.“

In der zweiten Halbzeit verlieren auch die griechischen Männer endlich ihre Ruhe. Als der Schiedsrichter einen Elfmeter nicht gibt und dem Gefoulten die gelbe Karte vorhält, fällt das Wort „Malaka“ – das griechische Schlüsselschimpfwort, das unter Kumpels als zärtlicher Knuff gilt, ansonsten als harte Beleidigung. Bis in die letzten Minuten drohen die Russen, den Griechen die Autokorsos zu vermasseln. Mit dem Schlusspfiff sind alle gerettet.

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