MAN-Areal im Umbruch

Baggerbisse beenden Ära

+
Temporärer Grünwuchs vor den ehemaligen Werkhallen. Das MAN-Roland-Werk I steht zwar schon seit etlichen Jahren leer, nun beginnt aber definitiv das finale Kapitel der Firmengeschichte an der Christian-Pleß-Straße.

Offenbach - Der Baggerführer fährt seinen Greifer in die Höhe. Er setzt das schwere Gerät geradezu behutsam an der Dachkante an. Ein kurzer Ruck. Die Einfassung kracht zu Boden. Scheiben zerbersten. Von Martin Kuhn

An der Christian-Pleß-Straße, ehemals Sitz der Firma Faber & Schleicher, zerbröselt ein Stück Stadt- und Industriegeschichte. „Ob das was wird?“, fragt der Passant in Hinblick auf die geplante Umnutzung einer seit 2004 brachliegenden Industriefläche, die seit Jahrzehnten den Offenbacher Süden dominierte. Das wird sich zeigen.

Das Wandrelief im ehemaligen Verwaltungsgebäude steht für die Offenbacher Industriegeschichte.

Bagger mit Abbruchmeißel, Abbruchzange oder Löffel: Ein imposanter Fuhrpark räumt lärmend ab, wo seit 1899 – aus diesem Jahr datierten laut Denkmaltopografie die ältesten Gebäudeteile – aus Faber & Schleicher der Druckmaschinenhersteller MAN Roland AG gewachsen ist. Das endgültige Aus von Werk I steht stellvertretend für den Niedergang des produzierenden Gewerbes in Offenbach – die (sicher unvollständige) Liste in jüngerer Vergangenheit umfasst Stahlbau Lavis, Rowenta und jetzt das MAN-Stammhaus.

Hydraulikbisse zerreißen die alten Werkhallen.

Bei Coiffeur Karl-Heinz Harwarth, um die Ecke an der Senefelderstraße gelegen, zeugt ein altes Luftbild des Werks mit seiner prägenden Sheddachhalle von der Verbundenheit. Und auch in der Bäckerei Ludwig Ködel erinnert man sich gern an Zeiten, als die „Roländer“ dort einkauften. Es sind verblassende Erinnerungen. Einige Offenbacher fragen sich bereits besorgt, ob die reich verzierten und Firmengeschichte repräsentierenden gläsernen Eingangstüren oder das Wandrelief von 1952 im Hauptgebäude vor dem Baggerbiss gerettet werden. „Es wären Schmuckstücke fürs Haus der Stadtgeschichte“, macht sich einer für die Erhaltung stark. Allerdings offenbart ein „Alarmplan“, dass längst andere die Geschicke lenken. Auftraggeber sind die Getas Verwaltung Objekt KG (Pullach) und die Ferrostahl Industrieanlagen GmbH (Geisenheim). Die städtebauliche Zukunft des Areal bestimmte das Parlament im vergangenen Dezember: Dort sollen in erster Linie Wohnungen, eine grüne Freifläche, Raum für Kleingewerbe und ein Zentrum für die Nahversorgung des Viertels entstehen.

Ein ebenfalls beschlossener „Städtebaulicher Vertrag“ legt die Details und Finanzierung betreffenden Vereinbarungen zwischen den Verkäufern des Geländes und der Stadt fest. Auf dem Areal will die Frankfurter Wohnungsbaugesellschaft ABG 37 Millionen Euro investieren und 168 Wohnungen bauen – 50 werden mit öffentlichen Landesmitteln errichtet. Für 32 Wohnungen erhält die Stadt Frankfurt das Belegungsrecht, für 18 Wohnungen die Stadt Offenbach. Die ersten Mieter sollen Ende 2015 einziehen. Die Wohnungsverteilung auf dem ehemaligen MAN-Gelände hat der stellvertretende CDU-Fraktionschef Roland Walter in Frage gestellt. Der Geschäftsführer der ABG habe zwar eine „gesunde soziale Mischung bei der Auswahl der Mieter“ versprochen. „Aber genau dieser Wortlaut erweckt in mir die Befürchtung, dass einkommensschwache Bürger aus Frankfurt nach Offenbach übersiedeln werden und damit den Offenbacher Sozialetat zusätzlich belasten“, sagt Walter.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare