„Man merkt, es kommt was nach“

Offenbach - (siw) Die Opfer des NS-Regimes wurden verfolgt, gefoltert, deportiert und ermordet - bei manchen heißt es lapidar: Sie sind verschollen. Familien wurden auseinander gerissen und über den ganzen Erdball verstreut.

Weil auch in Offenbach viele hundert Menschen den Hass der Nationalsozialisten zu spüren bekamen, engagiert sich die Geschichtswerkstatt Offenbach für sie: Sie waren Juden oder Kommunisten, arbeiteten im Widerstand, waren Zeugen Jehovas, homosexuell oder zählten zur Gruppe der Roma und Sinti.

Damit ihr Schicksal nicht in Vergessenheit gerät, hat die Organisation bereits die fünften Verlegung von sogenannten Stolpersteinen initiiert. Die kleinen, mit Namen, Todesdatum und Ort versehenen Messingplatten werden am Samstag, 14. Februar, ab 9 Uhr vor dem letzten selbst gewählten Wohnort der Opfer verlegt. Der bereits für die Aktion mit dem Bundesverdienstkreuz bedachte Kölner Künstler Gunther Demnig reist eigens dafür an.

Mit der Beteiligung reiht sich die Geschichtswerkstatt ein in die große Zahl von Organisationen, die in über 300 Orten Deutschlands, ebenso in Österreich und Ungarn emsig recherchieren und versuchen, etwas über die Opfer herauszufinden. Oft ist die Suche schwierig, selten gibt es ein Foto, noch seltener Zeitzeugen oder Nachkommen. Manchmal sind die Informationen allzu dürftig, ein anderes Mal nimmt ein tragisches Schicksal Gestalt an.

So ist bei Siegfried Reinhardt, dem Vater von Henriette Plitzner: Die Seniorin erinnert sich noch, wie sie sich als Kind verstecken musste, von den Mitschülern schikaniert wurde und bei Luftangriffen nicht in den Bunker durfte, weil sie eine „Halbjüdin“ war. Sie hat die Patenschaft für einen Gedenkstein für ihren Vater übernommen, der mit seiner zweiten Frau und einem Sohn deportiert wurde. Sie sollen am 8. Mai 1945 in Treblinka gestorben sein. Drei Gedenksteine werden vor dem Gebäude der Agentur für Arbeit an der Domstraße 70 verlegt. Etwa dort hat die Familie gewohnt.

Das Engagement der Geschichtswerkstatt stößt auf großes Interesse und breite Unterstützung durch die Bevölkerung: Schulklassen und Konfirmandengruppen beschäftigen sich mit dem Projekt und laden Mitglieder der Initiative ein. „Man merkt jetzt, da kommt noch etwas nach“, sagte Barbara Leissing. Die Initiative fühlt sich akzeptiert und gut vernetzt. „Wir haben erreicht, was wir erreichen wollten.“ Die Aktion ist auf der städtischen Homepage dokumentiert und wird etwa vom Stadtdienstleister ESO unterstützt: Die Fläche im Bürgersteig wird vorbereitet und abgesperrt, Steine werden gelockert - und das ohne Rechnung.

Wenn in einer guten Woche 22 weitere Gedenksteine verlegt werden (es sind dann insgesamt 68), sind auch zehn in Bürgel zu finden - dort existierte ehemals eine große jüdische Gemeinde. Für die Paten Hans Schinke und Michael Maier von Pro Bürgel wird es Zeit, dass dies im Stadtteil deutlich wird.

Die Lehrerin Angelika Amborn-Morgenstern möchte mit dem Gedenkstein an ihren Großvater Karl Amborn erinnern, der sich als christlicher Pfarrer dem Pfarrernotbund anschloss und sich im Widerstand engagierte.

Die SPD-Stadtverordnete Gertrud Marx fühlte sich vom Namen auf einer Deportationsliste angesprochen: Sie übernahm eine Patenschaft für einen Gedenkstein für Paula Marx, mit der sie nicht verwandt ist, wie sie inzwischen weiß. „So eine Recherche ist schwieriger als man denkt“, sagt sie. Man gerate immer tiefer in das Leben eines anderen Menschen hinein, ohne ihn wirklich zu kennen.

Mit gerade einmal 18 Jahren ist Jonathan Moog der jüngste Pate der aktuellen Initiative: Insgesamt vier Stolpersteine für die jüdische Familie Baum an der Bernardstraße 57 übernimmt er mit seiner Familie. Das habe er sich zum Geburtstag gewünscht, erzählt der Schüler.

Am Mittwoch, 11. Februar, 19 Uhr, wird bei einer Gedenkveranstaltung im Haus der Stadtgeschichte (Herrnstraße 61) an die Opfer erinnert. Ein Rundgang zu denStolpersteinen“ ist für Sonntag, 15. März, ab 14 Uhr geplant. Treffpunkt: Stadthof vorm Rathaus.

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