„Man muss das Chaos lieben“

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„Alles, was man macht, muss man gut machen“, lautet das Credo von Ulrike Timmerberg-Schutt. Gut gelungen sind der Pfarrerin, die seit rund einem Jahr die Französisch-Reformierte Gemeinde leitet, neben zwei Studiengängen und diversen beruflichen Stationen vor allem ihre fünf Kinder. Unsere Fotomontage zeigt den Nachwuchs, der heute längst erwachsen ist, Mitte der 80er Jahre.

Offenbach ‐ Eine Nase, ein Mund, zwei Augen, zwei Ohren, zwei Beine, zwei Füße, eigentlich alles da. Aber nur zwei Hände – wie macht die Frau das bloß? Wer sich Ulrike Timmerberg-Schutts Leben vor Augen führt, erwartet zwangsläufig einige zusätzliche Hilfsgliedmaßen. Von Barbara Hoven

Die Dame mit der Lockenmähne hielt es stets mit den überlieferten Jesusworten und ließ die Kinder zu sich kommen. Fünfmal hat das geklappt. Deshalb darf die Bewältigung von allem, was die 52-Jährige noch so zu tun hat und in den letzten Jahren getan hat, fast schon als Wunder biblischer Dimension gelten. Denn Timmerberg-Schutt stemmte nicht nur die für viele Mitmenschen kaum zu stemmende Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Als Pfarrerin der Französisch-Reformierten Gemeinde ist es bei ihr sogar Berufung.

Zwei Tage vor dem Muttertag liefert die Geistliche eine Art Glaubensbekenntnis ab: „Man muss das heilige Chaos, das Kinder veranstalten, schön finden können.“ Zwei Studiengänge hat sie absolviert, sieben Jahre lang als Vikarin und Pastorin in den reformierten Gemeinden Göttingen, Hannover und Wolfsburg gewirkt. Neben der kirchlichen Erfahrung steht eine dreijährige Tätigkeit als Personalberaterin im Lebenslauf. Und sechs Jahre Leben auf dem Bauernhof, damals, als die Kinder noch klein waren. Wie man all das unter einen Hut kriegt? „Mit ganz viel Organisation natürlich. Und man muss viele Dinge auf einmal machen können.“

Die Kinder zur Selbstständigkeit erzogen

Timmerberg-Schutt sagt von sich selbst, sie sei ein leistungsorientierter Mensch. Und sie räumt ein: „Natürlich gab es diese Momente, wo man Angst vor dem eigenen Mut bekommt oder die Probleme überhand zu nehmen scheinen.“ Doch der Glaube habe ihr stets geholfen. Und viele Mitmenschen – allen voran Ehemann Wilfried Schutt. „Natürlich braucht man einen kinderlieben Partner, der auch im Haushalt hilft“, sagt die Pfarrerin. Und auch die Kinder habe man stets zur Selbständigkeit erzogen. Und zum Mithelfen nicht erst animieren müssen.

Sohn Sören (29) und die Töchter Geraldine (27) und Rebekka (25) sind jetzt aus dem Haus. Langweilig kann der Pfarrerin trotzdem nicht werden. Inzwischen hat sie drei Enkelkinder, eins davon lebt mit ihr, ihrem Gatten und den jüngsten Töchtern Juliane (22) und Salomé (16) im frisch renovierten Pfarrhaus an der Herrnstraße. Außerdem hat die Pfarrerin neben ihrer halben Pfarrstelle ja noch eine weitere halbe Stelle, kümmert sich um geistig Behinderte und deren Angehörige im Dekanat Offenbach.

Zeit, das barocke Kleinod und den schönen Garten zu genießen, bleibe da selten. „Schließlich kann die wöchentliche Arbeitszeit auch mal schnell die 60 oder 70 Stunden überschreiten, so ist das halt bei uns.“ Und Timmerberg-Schutt betont: „Es braucht eine starke Persönlichkeit, um dem ökonomischen Druck zu widerstehen.“

13 Menschen umfasst die Großfamilie

Das sei nicht schwer, denn der Reichtum, den einem die Kinder schenken, den wolle sie nicht missen. „Meine Kinder sind das Kostbarste, was ich habe. Und sie halten mich jung und flexibel“, wirbt sie mit deutlichen Worten für das Lebensmodell Großfamilie. Dass die eigene Freizeit da manchmal auf der Strecke bleibe, das sei zu verkraften. Zumal es für ihre Leidenschaft, das Laufen, noch immer reicht. „Vor zehn Jahren, als die Kinder aus dem Gröbsten raus waren, habe ich damit wieder angefangen. Das hält mich aufrecht.“

Das tut momentan auch die Freude auf den Muttertag. Morgen wird es eng im Pfarrhaus, denn die ganze Großfamilie, mittlerweile 13 Menschen, kommt wieder zusammen. Vorher lädt die Pfarrerin alle Mitglieder ihrer kleinen, stetig wachsenden Gemeinde und Interessierte zu einem besonderen Muttertagsgottesdienst um 10 Uhr in die Französisch-Reformierte Kirche, Herrnstraße 43, ein.

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