„Manche drohen mit Gewalt“

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Verweist auf das ausgeklügelte Beschwerdemanagement und das gute Abschneiden der Mainarbeit bei regelmäßigen Qualitätskontrollen: Dr. Matthias Schulze-Böing.

Offenbach ‐ Die Klagen von Hartz IV-Empfängern über die Mainarbeit häufen sich. In unserer Zeitung berichteten Betroffene von ihren Erfahrungen. In einem Interview mit Redakteur Matthias Dahmer nimmt Dr. Matthias Schulze-Böing, Leiter der Mainarbeit, dazu Stellung.

Herr Schulze-Böing, den Betroffenen geht es weniger um die Leistungen selbst, als vielmehr um die Art und Weise, wie mit ihnen umgegangen wird. Es hat sich sogar eine Vermieterin an uns gewandt, die ihre Mieter bedauert, die Klienten bei der Mainarbeit sind. Alles nur eine Kampagne einiger weniger Personen?

Es wird schnell verallgemeinert. Vorwürfe müssen im Einzelfall immer auf ihre Stichhaltigkeit geprüft werden. Stimmen Behauptungen oder wird mit vermeintlichen Vorkommnissen Politik gemacht. Leitbild der Mainarbeit ist Kundenfreundlichkeit. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind kompetent und beraten mit Respekt vor der schwierigen Lebenssituation unserer Kunden. Auf dieses Verständnis achten die Führungskräfte ebenso wie sie Entscheidungen immer wieder auf ihre Richtigkeit überprüfen. Darauf habe ich auch als ihr Vorgesetzter einen Blick.

In jeder Organisation werden Fehler gemacht. Wir prüfen jede Beanstandung gründlich auf ihre Stichhaltigkeit. Gelegentlich gibt es Missverständnisse in der Kommunikation mit dem Kunden. Diese Fälle werden intern besprochen, um beim nächsten Mal besser zu sein. Unsere Mitarbeiter berichten leider immer wieder auch von aggressiv auftretenden Kunden. Manche drohen mit körperlicher Gewalt. Auch diese Seite sollte man sehen.

Wie läuft das eigentlich ab, wenn eine Beschwerde bei der Mainarbeit eingeht?

Grundrecht in allen Behörden ist: Jeder Kunde kann Widerspruch einlegen. Ein eigenes Team bearbeitet diese Widersprüche.

In 35 Prozent der Fälle aller Widersprüche wird die Entscheidung ganz oder teilweise korrigiert. Wenn Widersprüche zurückgewiesen werden, gibt es die Möglichkeit der Klage vor dem Sozialgericht. Jeder Kunde kann sich natürlich auch beim direkten Vorgesetzten beziehungsweise bei der Geschäftsführung beschweren. Ich habe noch keine Bitte um ein persönliches Gespräch abgelehnt. Die Mainarbeit ist zudem eine von wenigen SGB-II-Stellen mit einem Ombudsmann, dem ehemaligen Amtsgerichtspräsidenten Wilhelm Uhl. Er versucht im Konfliktfall eine einvernehmliche Lösung. Er ist ehrenamtlich tätig, neutral, nicht weisungsgebunden, aber mit einem hohen Maß an Lebenserfahrung. Herr Uhl hat sich in dieser Tätigkeit bei unseren Kunden viel Anerkennung erworben.

Mit wie vielen Beschwerden müssen Sie sich pro Jahr befassen?

Wir haben im Jahr 2008 insgesamt 56 bei mir schriftlich eingereichte Beschwerden registriert. Dazu kommen noch mündlich an verschiedener Stelle vorgebrachten Beschwerden. Ich schätze, das werden noch mal 200-300 pro Jahr sein.

Welchen finanziellen Aufwand erfordert Hartz IV ?

Inklusive der 43 Millionen Euro für Unterkunft, die die Stadt Offenbach trägt, haben wir im letzten Jahr 94 Millionen Euro an Steuergeldern in Offenbach für Geldleistungen nach dem SGB II ausgezahlt. Natürlich gibt es in diesem großen Rahmen auch unangenehme Entscheidungen, Ablehnungen, weil Leistungen im Gesetz normiert sind. Unser vorrangiges Ziel ist, den Menschen bei der Integration in die Erwerbsarbeit zu helfen. Heute werden Arbeitssuchende intensiver betreut als das vor Hartz IV möglich war. Für Fördermaßnahmen gibt die Mainarbeit insgesamt 20 Millionen Euro pro Jahr aus. Kommen Kunden ihren Mitwirkungspflichten nicht nach, werden auch Sanktionen verhängt. Wir wollen „Fördern und Fordern“.

Noch ein Wort zu Ihren Mitarbeitern, die im Zentrum der Kritik stehen: Wie viele sind es, wie sind sie ausgebildet, und welche Schulungen erhalten sie mit Blick auf die nicht immer einfache Kundschaft?

Wir haben 225 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, 50 Prozent kommen von der Agentur für Arbeit und die andere Hälfte ist von der Stadt Offenbach zu uns abgeordnet. Wir bereiten alle Mitarbeiter optimal auf ihre Arbeitssituation vor. Kommunikationstraining, Konfliktverhalten und Gesprächsführung sind Teil der Ausbildung.

Die Bundesagentur für Arbeit befragt regelmäßig unsere Kunden. Erfasst werden alle Aufgabenfelder, von der Beratungsqualität über die Arbeitsvermittlung bis hin zu den Informationen. Unsere Note im ersten Quartal dieses Jahres 2,5, im zweiten Quartal 2,6. Das ist Rang 1 beziehungsweise Rang 2 unter vergleichbaren Städten in Deutschland. Ganz so schlecht, wie manche glauben machen wollen, können wir also nicht sein.

Wie viele Kunden hat die Mainarbeit zu betreuen? Können rein rechnerisch überhaupt alle wieder in den Arbeitsmarkt vermittelt werden?

Im Jahr 2008 betreute die Mainarbeit 15 500 Kunden. Rund 3 200 davon konnten wir in den Arbeitsmarkt integrieren. Für viele ist der Weg aber lang. Wenn die Vermittlung nicht klappt, bieten wir Arbeitsgelegenheit und geförderte Beschäftigung an. Wichtig ist, möglichst viele Menschen aktiv an Arbeit teilhaben zu lassen. Auch Qualifizierung spielt eine wichtige Rolle. Unser Prinzip ist: Wir geben niemanden auf. Deshalb helfen wir auch, Hemmnisse im persönlichen oder sozialen Bereich zu überwinden.

Hängt die Kritik an der Mainarbeit vielleicht auch mit den gesetzlichen Vorgaben zusammen. Welche Wünsche haben sie als Mann der Praxis an den Gesetzgeber?

Ich würde mir an einigen Stellen Vereinfachungen wünschen. So ist etwa die Berechnung von Unterkunftskosten sehr kompliziert. Grundsätzlich halte ich das System von „Fördern und Fordern“ aber für richtig.

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