Mangelware Mann

Offenbach - Zufall oder Schicksal: Ein Fehler hat das Leben von Erhard Storoschenko ganz wesentlich geprägt. Von Simone Weil

Durch ein Versehen der Universität landete er beim Praktikum während des Lehramtsstudiums an der Grundschule, obwohl er eigentlich die Sekundarstufe I angepeilt hatte. Dieser Abstecher zu den Schulanfängern hinterließ so großen Eindruck bei ihm, dass er kurzerhand umsattelte. Die Begeisterungsfähigkeit der Kinder habe ihn schwer beeindruckt, sagt der scheidende Leiter der Goetheschule. „Toll war es auch, wie positiv sie auf einen Mann reagierten. “ Schließlich sind männliche Pädagogen in der Grundschule Mangelware. Mit Nachfolgerin Gabriele Schranz, die bisher die Uhlandschule in Bürgel leitet, und jetzt ins Nordend wechselt, ist die Einrichtung übrigens vollständig in weiblicher Hand.

Nach 23 Jahren Tätigkeit an der Goetheschule (davon 19 als dort bislang längster Leiter) sind Storoschenkos Arbeitsstunden gezählt. Der 59-Jährige geht in Alterteilzeit. Heute wird er offiziell verabschiedet, am Montag ist sein letzter Arbeitstag, dann beginnt die Freistellungsphase.

Der Pädagoge blickt zurück auf zwei Jahrzehnte, die von zahlreichen Veränderungen geprägt waren. Zu den Versuchen, das große denkmalgeschützte Schulgebäude ein wenig gemütlicher und kindgerechter zu gestalten, gehört der Austausch des kompletten Schülermobiliars. Beim knappen Budget der Einrichtung ließ sich dies in 20 Jahren nur mit eisernem Sparwillen umsetzen. Renovierung, Umbau und Dachgeschossausbau wurden nicht zuletzt wegen der Einführung der Ganztagsklassen auf den Weg gebracht. Zwei der insgesamt drei Bauabschnitte zur Umgestaltung des Schulhofs mit einem Freiluftklassenzimmer und modernen Kletter- und Spielgeräten wurden umgesetzt. Noch fehlt das geplante Atrium, das bei der Einschulung oder anderen Freiluftveranstaltungen Sitzplätze bieten würde, denn eine Aula gibt es nicht.

Raumprobleme gehören zur Schule an der Bernardstraße wie der Kopf des deutschen Dichters und Denkers als Wandschmuck im Erdgeschoss. Von 585 Schülern haben 75 bis 80 Prozent einen Migrationshintergrund, die Kinder haben ihre Wurzeln in 40 Nationen. Dementsprechend viel Förderunterricht wird an der Nordendschule geboten. Und auch dafür braucht man Räume. Mit den Möglichkeiten, Klassen in Kleingruppen zu teilen oder gar Platz zu haben, um allein zu arbeiten, steht und fällt eine fortschrittliche Pädagogik, die weite Strecken ohne Frontalunterricht auskommt und die das individuelle Lernen fördert.

Der Schulleiter hat am liebsten Mathematik unterrichtet: „Wenn man vermitteln kann, was einem selbst Spaß macht, dann kann man die Kinder auch motivieren“, ist er überzeugt. Nicht von ungefähr kommen immer noch ehemalige Schüler vorbei, um ihm mal ihr Zeugnis zu zeigen.

Trotz aller Verbundenheit mit der Goetheschule freut sich der Pädagoge, nicht mehr arbeiten zu müssen. Nicht zuletzt auch deswegen, weil Gattin Gabriele Hillenbrand-Storoschenko bereits im Ruhestand ist. Sie soll jetzt endlich auch bei den Hausarbeiten entlastet werden.

Die frühere Leiterin der Eichendorffschule hat Storoschenko während seiner neunjährigen Tätigkeit an der Innenstadtgrundschule kennengelernt. Obwohl das Pädagogenpaar jetzt erstmals außerhalb der Ferien Urlaub machen könnte, soll noch Rücksicht auf die hochbetagte Hauskatze genommen werden. Doch irgendwann führt beide sicher wieder eine Reise auf ihre dänische Lieblingsinsel. Dort ist vor allem die Ruhe wichtig, um auszuspannen zu können. Gewandert wird außerdem regelmäßig im Schwarzwald.

Darüber hinaus hat Erhard Storoschenko das Golfspiel für sich entdeckt. Deswegen hat er vor, zwei Tage pro Woche auf dem Grün zu verbringen, außerdem will er regelmäßig ins Sportstudio. Und mit seinem rein weiblichen Ex-Kollegium trifft er sich weiterhin zum Kegeln.

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