Mann wie Hemd kleinstkariert

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Fingerdrehend, fusselzupfend: Heinz Becker.

Offenbach - Jeder kennt ihn, diesen Typ Mensch. Der zu allem was zu sagen hat. Seine Stammtisch-Weisheit jederzeit kundtut. Und dabei so festgefahren ist, dass er zwangsläufig in einer intellektuellen Sackgasse landet. Von Veronika Szeherova

Durch solche geistig geschlossenen Ortschaften manövrierte am Samstagabend der Kabarettist Gerd Dudenhöffer alias Heinz Becker sein Publikum im fast ausverkauften Capitol. Im neuen Programm „Sackgasse“ persifliert er den stoischen Spießbürger so gekonnt, dass jeder wiederfindet, was er erwartet - den Nachbarn, die Großtante, den Kassenwart vom Kaninchenzuchtverein.

Kleinstkariert ist er, genau wie sein Hemd. Die Batschkapp auf dem Kopf, seit über 30 Jahren sein unverkennbares Markenzeichen. Eine Show oder besondere Bühnendeko braucht er nicht. Der Becker Heinz sitzt die ganze Zeit auf seinem Stuhl. Hinter sich die sprichwörtliche Betonwand. Fehlt eigentlich nur noch das Brett vorm Kopf.

Aber das stellt er auch so permanent unter Beweis. Da kann er noch so politisch korrekt tun. „Frisöse sagt ma net mehr“, stellt er fest, denkt kurz nach, „aber ma sagt ja aach net Fritteurin.“ Bei der Grünen-Politikerin Claudia Roth fragt er sich, ob „de Kopp von Playmobil“ ist, der FDP-Vorsitzende Philipp Rösler ist „gelernter Vietnamese“. Und überhaupt, der ganze Mittelmeerraum, eine Katastrophe: „Die Italiener sind ja zu dumm, um mitm Schiff um die Eck zu fahre!“ Und Griechenland? „Jamas, jetzt hammers! Die könne sich nur noch vergrieche.“ Vom arabischen Frühling ganz zu schweigen: „Freiheit, Ordnung und Sauberkeit is bei dene a Dezifit. Von mir aus könne se Straßeschlachte mache, aber danach müsse se doch saubermache.“

Seine Versprecher bei zu schwierigen Fremdwörtern, sein Minenspiel, sein Zögern, sein Suchen der richtigen Worte, sein Nichtsagen, Gesten wie Fingerpochen und Fusselzupfen - schon allein das entlockt den Zuschauern viele Lacher. Niemals wirkt Dudenhöffers Alter Ego künstlich oder gespielt. Zur Sache oder gar auf den Punkt kommt Heinz Becker in seinen ausschweifenden Erzählungen nie richtig. Und eigentlich interessiert ihn das Geschehen in der Welt nicht so sehr wie die Frage nach dem nächsten Bier. Da hält er es eher wie sein Vadder: „Besser mojns zwei Schnaps wie omnds kenner. Ma muss a mo Prioritäten de Vortritt losse…“

Alkoholiker ist er übrigens nicht. Wenn er im Suff sei, „is es a ganz normale Reaktion des Körpers.“ Er habe gelesen, die tägliche Gewohnheit „tät süchtig mache“. Aber: „Ich bi seit 46 Jahre verheirat - von aner Sucht merk ich nix.“ Überhaupt kriegt „es Hilde“ ordentlich ihr Fett ab. Etwa auch, als er sich Gedanken um Selbstmordattentäter und die angeblich 70 versprochenen Jungfrauen für islamische Märtyrer macht. „Stell dir ma vor, unsre Religion sagt, du kimmst ins Paradies, und da stehen 70 Hilde, da tät ich mich inne Luft sprenge!“

Über Umwege gelangt er, bedeckt von Belanglosigkeiten, dann doch zum Brennpunkt. Am Kaninchenzuchtverein vorbei zum Holocaust. Trifft ins Schwarze, wenn er die romantisierten Kriegserinnerungen seiner Tante mit Gänsehautfeeling - zwischen Heil Hitler und Heile Gänschen - einstreut. Toleranz ist Fehlanzeige. Auch in Erziehungsfragen: „Heut kriege die Kinner Zucker inne Arsch geblase: Ich hab zum Stefan gesagt, das kannste aach hawe. Aber Würfelzucker!“ Mit Pädagogik und langen Gesprächen mit dem Kind brauche ihm niemand zu kommen. „Mein Vadder hat mir anne Backe geschlage - Ende der Beratung!“

Der Fortschritt sei immer moderner, beklagt sich der Becker Heinz. Erzählt von seinen Erfahrungen mit der Störungs-Nummer der Telekom. Und von einer Bekannten, die „schafft im Autohaus, bei Ford im Escort Service.“ Als Zugabe gibt er sein Erlebnis zum Besten, wie er, natürlich versehentlich, in einem Sexshop landete. Um nahtlos überzugehen zum tödlichen Motorradunfall eines jungen Mannes und gleichzeitig den Spaghettisoßenflecken auf seinem Hemd. „Die Flecke gehe nie mehr weg“, habe sich das Hilde geärgert. „Wahrscheinlich streiche se die Brückenwand neu“, antwortete er. Böse. „Wenn´s net so spaßig wär, müsste ma lache.“ Hilft am Ende nur der Ratschlag: „Wenn dir aner dumm kommt, lass ihn aach dumm gehe.“

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