Offenbacher vor Gericht

In den Keller gelockt und vergewaltigt ?

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Offenbach/Darmstadt - Es ist einer dieser Fälle, die besonders viel Distanz zum Geschehenen erfordern. Nicht nur vom Gericht, sondern auch von Journalisten. Von Sarah Neder

Der Offenbacher Mohammed A. ist angeklagt, in den Jahren 2013 und 2014 zwei Jungen, die zur Tatzeit neun und zehn Jahre alt waren, sexuell missbraucht zu haben. Er soll ihnen pornografische Filme gezeigt und sich an den Kindern vergangen haben – bis zum Analverkehr. Beim Verhandlungsauftakt am Darmstädter Landgericht beteuerte der 39-Jährige gestern jedoch seine Unschuld.

Der kleine, schmächtige Mann bahnt sich zunächst langsamen Schrittes und mit gesenktem Blick den Weg zu seinem Platz zwischen Verteidiger und Dolmetscher. Mohammed A. ist Marokkaner, lebt seit 2002 in Offenbach und spricht schlecht Deutsch. Starr sitzt er der Vorsitzenden Richterin Andrea Röhrig gegenüber. Auch keine Regung des Verdächtigen, als der Staatsanwalt die Anklageschrift vorliest, die vier Fälle umfasst: Demnach hat der Nachbarjunge L. gelegentlich den Angeklagten in seinem Hobbykeller besucht. Dort hat er zusammen mit A., der gelernter Elektriker ist, an ausrangierten Laptops und Computern geschraubt.

An einem Sommertag vor zwei Jahren hat A. laut Anklage dem heute zwölfjährigen Jungen erstmals die Hose heruntergezogen und ihn vergewaltigt. Das Opfer habe dabei starke Schmerzen erlitten. Die beiden weiteren Fälle sollen sich 2014 ereignet haben. Auch der heute zehnjährige V. wurde im vergangenen Jahr von A. in besagten Keller gelockt und dort von ihm sexuell misshandelt. Beiden Jungen hat der Angeklagte außerdem Pornos auf YouTube gezeigt.

Die Opfer warten am ersten Prozesstag vor der schweren Holztür des Gerichtssaals. Sie sollen später noch als Zeugen aussagen. V. weint schon, bevor die Verhandlung überhaupt begonnen hat. Seine Mutter reicht ihm ein Taschentuch, dann kauert er sich auf dem Schoß seines Vaters zusammen. Die Familien beider Kinder sind Nebenkläger im Prozess gegen Mohammed A.

Kind angefahren und vergewaltigt: Bilder vom Prozess

Während die Eltern von dessen Schuld überzeugt sind, weist A. die Vorwürfe von sich. Nachdem er unter Tränen von seinem eigenen, schwerkranken Kleinkind erzählt, lässt er zur Sache nur noch seine Anwälte reden: Ja, L. sei regelmäßig in seinen Keller gekommen, auch V. sei dort gewesen, liest der Verteidiger vor. Aber vergriffen habe der Angeklagte sich nicht an ihnen und den beiden auch keine Pornos gezeigt. Laut A.s Anwalt habe er zu diesem Zeitpunkt gar keinen Internetanschluss gehabt. Auch sei nicht klar, ob sich die Kinder das nur ausgedacht hätten.

Als Richterin Andrea Röhrig den Angeklagten zu seinen sexuellen Vorlieben in der Pubertät und heute befragt, gerät dieser merklich ins Stocken. Wirre Gespräche zwischen Anwalt und Dolmetscher in seiner Muttersprache folgen. Hatte er schon früher homosexuelle Fantasien? Die übersetzte Antwort: „Nein, bei uns gibt es sowas nicht.“ Der Prozess wird fortgesetzt.

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