Ein Mann, der seine Stadt liebt

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Heinz Fahle sagt über seine Arbeiten: „Ich hoffe, man sieht meinen Bildern an, dass sie mit Herz entstanden sind. Man sollte Offenbach nicht zerreden… Meine Zeichnungen und Aquarelle sind auch ein Votum für unsere Stadt, die sich entscheidend wandelt.“

Offenbach - Zur Eröffnung seiner Retrospektive im Haus der Stadtgeschichte (HdS) erhielt der 86-jährige Architekt, Zeichner und Maler Heinz Fahle kürzlich die Rathausmedaille von Oberbürgermeister Horst Schneider. Von Reinhold Gries

Die Auszeichnung für Schaffende, die sich um Offenbach verdient gemacht haben, traf den Richtigen, von Ex-Kulturamtsleiterin Lydia Gesenhus als „Mann, der seine Stadt liebt“ charakterisiert. Fahle im bekenntnishaftem Künstlerbuch: „Ich hoffe, man sieht meinen Bildern an, dass sie mit Herz entstanden sind. Man sollte Offenbach nicht zerreden. Meine Zeichnungen und Aquarelle sind auch ein Votum für unsere Stadt, die sich entscheidend wandelt. “.

Dem 1925 im Sauerland Geborenen war soviel Empathie für Offenbach nicht in die Wiege gelegt. Nach Arbeits- und Kriegsdienst, Kriegsabitur und Gefangenschaft verschlug es den jungen Fahle 1947 ins Rhein-Main-Neckar-Gebiet. Dem Architekturstudium an der TH Darmstadt – nebst Studien im Freihandzeichnen und plastischen Gestalten – folgte das Mannheimer Architekturbüro, ab 1955 die mehr als 30-jährige Arbeit im Frankfurter Planungsbüro, in dem Fahle Planungsleiter und Teilhaber wurde.

Sein Wohnsitz war seitdem in Offenbach, wo er sich an der Goerdelerstraße ein Wohnhaus baute, das in jedem Katalog modernen Bauens Bestand hätte. In solchen Fachzeitschriften tauchten Fahles Kirchenbauten auf, in der HdS-Industriehalle zum Architektursommer Rhein-Main erstmals in Schwarz-Weiß-Fotos dokumentiert. Beim Betrachten der klar und streng, fast monumental aus Bruch- oder Ziegelsteinen gemauerten Sakralräume fällt einem Offenbachs Kirchenbaumeister Dominikus Böhm ein, der früh an der Notkirche St. Josef moderne Sachlichkeit und Expression mit altem Handwerk verband. Ähnlich überzeugend auch Fahles Projekte: Berggemeinde, Wartburgkirche und Nordweststadtkirche in Frankfurt, die Hofheimer Thomaskirche, die Darmstädter Michaelskirche oder die Vilbeler Heilig-Geist-Kirche. Klassisch modern könnte man die Synthesen aus schlichter Basilikaform, neuen Kubusideen und oft abgetrenntem Campanile nennen, nach unruhigen Zeiten in den 50ern bis 70ern nach zeitloser Gültigkeit strebend. Und nach innerer Einkehr. Der Betrachter erkennt, warum Fahles Architektenbüro Wettbewerbe gewann – auch mit Verwaltungs-, Schul- und Industriebauten, die nicht im HdS zu sehen sind.

Daneben galt Fahles Leidenschaft immer der freien Kunst, umgesetzt in virtuosen Feder- und Filzstiftzeichnungen und quirligen Linien und Perspektiven, zunehmend farbig aufblühend in rhythmisch gesetzten Aquarelltupfen und -flächen, die harte Linien weich und brüchig machen. Eine Kunst für sich, keine Hobbykunst, die Fahle als „Ruheständler“ (dieser Begriff passt nicht zu ihm) ab 1988 zur Meisterschaft führt.

Sein meterlanges „Leporello Offenbach“ öffnet den Blick und schlägt den Bogen von vitalen Büsingpalais-Löwen über malerische Bahnunterführungen und Fluchten der Berliner Straße zu stillen Schönheiten wie Rumpenheims Breiter Straße am Schloss, der Krafftstraße mit Marienkirchturm oder dem Pankratiusblick am Bürgeler Maindamm. Auch in der „Buchhügelrhapsodie“ oder Ansichten zu Mathilden- und Marktplatz hat sich Fahle als Offenbacher Stadtmaler profiliert. Mit Charme führt er vor – auch an Ecken mit Baustellencharakter –, wie schön hiesige Stadtlandschaft sein kann, fernab gesichtsloser Betonwüsten. Erstaunlich, wie wenig die Stadtregierung bisher solche Steilvorlagen in ihr Vermarktungskonzept einbezieht.

Fahles Blick geht freilich weiter, ohne Berührungsängste. Neben Motiven aus Westfalen, Seligenstadts Basilika oder der Offenbacher Josefskirche setzt er Erfurts herrlichen Domplatz, Michelstädter Gassen, bayrische Dorfstraßen, Nordseemotive oder die Dome von Mainz, Fulda und Brandenburg in Szene. Mit Stift und Farbe wird nicht nur Deutschland erkundet, mit Vorliebe auch historisch Gewachsenes des Mittelmeerraumes. Verwinkeltes und Gestaffeltes aus der Toskana und dem Cinque Terre gerät in prächtigem Mit- und Gegeneinander von Groß- und Kleinteiligem zu wahrem Augenschmaus. Neben baulich Herausragendem wie dem spanischen Kloster Montserrat und venezianischen Canale-Ansichten vergisst der Mann aber nicht die Dreieichenhainer Burgkirche oder das Fechenheimer Mainufer. Ein Sauerländer eben, der auf dem Teppich bleibt und Offenbach gut tut.

Die Ausstellung „Heinz Fahle – Architektur, Aquarell, Zeichnung“ im Haus der Stadtgeschichte (Herrnstraße 61) ist bis Sonntag, 3. Juli, zu sehen: Donnerstag/Freitag 10 bis 17, Samstag/Sonntag 11 bis 16 Uhr.

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