Azubi-Stühle vor die Tür gestellt

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In Reih und Glied stellten Roländer gestern alle greifbaren Stühle auf die Frankfurter Straße. Das erzeugte die erhoffte Aufmerksamkeit.

Offenbach - Vor zwei Wochen, bei der Kundgebung von „manroland“-Mitarbeitern auf dem Wilhelmsplatz, waren es 1900 gewerkschaftsrote Luftballons. Gestern Nachmittag, in der Innenstadt, beläuft sich das Soll auf 93 Stühle. Von Marcus Reinsch

Was immer die IG Metall im Kampf um die „manroland“-Jobs auf die Beine stellt, steckt voller Symbolik. 1900 Arbeitsplätze am Offenbacher Standort des insolventen Druckmaschinenherstellers stehen auf der Kippe, 93 davon sind Lehrstellen.

Für deren Rettung will demonstriert werden. Also fahren am Marktplatz Autos vor. Schreibtischstühle, Campingstühle, Klappstühle, Hochlehner, Hocker werden von umgeklappten Rückbänken gehoben und in Reih und Glied positioniert.

Sitzmöbel-Wurm beginnt an der Esprit-Filiale

Der Sitzmöbel-Wurm beginnt an der Esprit-Filiale, wo „manrolands“ angehende Industrie-, Gießerei- und Zerspanungsmechaniker, Technische Zeichner, Industriekaufleute und andere Berufseinsteiger mit ihren ersten richtigen Gehältern einkaufen könnten, falls doch noch alles gut geht und die „manroland“-Eigentümer Allianz und MAN und potenzielle Investoren aus dem Ausland mitspielen. Er endet auf Höhe des Woolworth, wo sie mit keinem oder einem kleinen Gehalt einkaufen müssten.

Das soll nicht sein. Also kommen auf die Sitzflächen „Keine Zukunft ohne uns“-Plakate; Stühlen mit Lehnen passen blaue „Azubis kämpfen für manroland in Offenbach“-Shirts. Letztlich reicht es zwar nicht ganz, um wirklich „jedem Azubi einen Stuhl vor die Tür zu stellen“, wie einer mit Galgenhumor feststellt.

Aufmerksamkeit in der Fußgängerzone

Aber mehr als 70 Stühle sind allemal genug, um mitten in der Fußgängerzone Aufmerksamkeit für die von der Offenbacher Gewerkschaftsbevollmächtigten Marita Weber flüstertütenverstärkte Forderungen zu erzeugen. Der Erhalt des Ausbildungszentrums müsse „Bestandteil eines Fortführungskonzeptes“ sein, sagt sie, und dass „wir es uns in Zeiten von so genanntem Fachkräftemangel nicht erlauben können, eine gut ausgestattete Ausbildungswerkstatt mit qualifiziertem Ausbildungspersonal im Landkreis Offenbach zu verlieren“. Deshalb die Kundgebung, deshalb – „...jetzt mal bitte alle an der Stuhlreihe entlang, von euch aus links, von mir aus rechts“ – die Symbolik.

Nur, dass zwar 150, vielleicht 200 Roländer in der Frankfurter Straße, von ihnen aber nur die wenigsten Azubis sind, ist lieber nicht symbolisch zu nehmen. Der Insolvenzverwalter, sagt Marita Weber, habe die Lehrlinge in den Resturlaub geschickt, also so gut verstreut, dass es schwierig sei, für spontane Aktionen wie diese Kundgebung alle rechtzeitig zu erreichen.

Alles zur Krise des Unternehmens „manroland“ finden Sie im Stadtgespräch

Und dabei, erinnerte gestern der Offenbacher SPD-Stadtverordnete und Sozialausschussvorsitzende Horst Thon schriftlich und forderte auch gleich den Rücktritt der kompletten „manroland“-Vorstandsetage, müsse bis Ende Januar geklärt sein, „ob das Insolvenzverfahren mit der Perspektive der Fortführung des Betriebes vor allem in Offenbach eröffnet werden“ könne. Die Ursache für den Niedergang des großen Druckmaschinenherstellers sieht Thon als Werk „kritikresistenter Seilschaften“.

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