Noch am seidenen Faden

Offenbach - Knappe halbe Stunde bis zur Kundgebung, auf dem Wilhelmsplatz laden zwei Getränkelaster ab. Becks, Orangensaft, Schöfferhofer in Flaschen, Äppler in Fässern. Kein Sekt, kein Selters. Macht nichts. Von Marcus Reinsch

Auch wenn der Vorrat nicht einer der Kneipen über die Straße zugedacht wäre, sondern den hier gleich demonstrierenden manroland-Mitarbeitern - sie hätten keinen Grund zum Anstoßen.

Seit ihr Arbeitgeber in der Insolvenzmühle steckt, dürstet es sie nach nichts anderem als einem großen Schluck aus der Pulle der Erleichterung. Doch es gibt heute nichts Neues aus den Chefetagen. Der Druckmaschinenhersteller ist immer noch insolvent, der Insolvenzverwalter Werner Schneider verhandelt immer noch, die Hoffnung auf einen Investor lebt immer noch, die 1900 manroland-Arbeitsplätze am Standort Offenbach hängen immer noch am selben seidenen Faden wie die anderen 4600 des Augsburger Unternehmens.

Sammelnetze für 1900 symbolträchtige rote Luftballons

Also wird demonstriert. Letzte Woche war Kundgebung vor dem Frankfurter Domizial der manroland-Miteigentümerin Allianz; heute haben die Gewerkschaften auf den Offenbacher Wilhelmsplatz gerufen. Das Solidaritätsmobiliar - Mikro, Banner, Transparent, Sammelnetze für 1900 symbolträchtige rote Luftballons, Gewerkschaftssekretär Peter Mich - ist schon da. Die Roländer selbst kommen mit Pendelbussen von den Werken an der Mühlheimer Straße, wo dank eines Massekredits zwar erstmal weitergearbeitet werden könnte - aber nun doch einiges stillsteht, weil im Insolvenztrubel Teile fehlen, wie es heißt.

Der Platz füllt sich. Fünf-, vielleicht sechshundert Beschäftigte haben es hergeschafft, dazu gesellen sich Daimler-Mitarbeiter aus Förth, die gerade auf Betriebsratsseminar in der Nähe und entschlossen sind, Solidarität zu zeigen. Marita Weber spricht, die 1. Bevollmächtigte der IG Metall Offenbach. Alexandre da Silva, hiesiger DGB-Chef, spricht.

Sorgen um die Zukunft

Die Offenbacher Betriebsratsvorsitzende Alexandra Roßel spricht. Und Pfarrer Gerhard Müller aus Waldheim, zu dessen Bezirk das manroland-Werk gehört, ist auch da, weil er Kontakt hat zu „vielen Familien, die jetzt Sorgen um die Zukunft haben.“.

Und die Kommunalpolitik findet sich auch ein. Eigentlich hat zeitgleich mit der Kundgebung auf dem Wilhelmsplatz die Stadtverordnetenversammlung im Rathaus begonnen - Haushaltsberatungen, furchtbare Pflicht. Doch alle Fraktionen außer die der CDU haben gleich zu Beginn eine Art Sitzungsunterbrechung beschlossen und sind nachgekommen zur manroland-Demo.

Alles zur Krise des Unternehmens „manroland“ finden Sie im Stadtgespräch

Das wird im Nachhinein noch Streit geben, weil sich die oppositionellen Christdemokraten, die über den parlamentarischen Kurzausflug auf Kosten der Redezeit aller Beteiligten gar nicht abgestimmt haben, für ihr Pochen auf unbedingte Protokolltreue in die arbeitnehmerfeindliche Ecke gestellt sehen. „Das Thema ist zu ernst für solche billigen parteipolitischen Spielchen“, knurrt ein stinkwütender CDU-Fraktionschef Peter Freier am Rand der Kundgebung, als vorne am Mikro ein Stadtverordneter die Solidarität aller anderen Fraktionen für die manroland-Belegschaft und den Standort Offenbach gelobt.

Doch den Betroffenen auf dem Platz ist es nur wichtig, dass es überhaupt noch geklappt hat mit dem Besuch aus dem Rathaus. Das Gefühl, auch von dort unterstützt zu werden, hat ihnen bisher gefehlt - auch wenn, wie der sehr kämpferische und nach einem Rettungsschirm rufende („Was Opel für Rüsselsheim ist, ist manroland für Offenbach) Bezirksvorsitzende des DGB Hessen/Thüringen, Stefan Körzell, sagt, die Kommunalpolitik nicht schuld ist.

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