Ungewissheit nagt an Nerven der Roländer

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Susanne Kretschmann

Offenbach - Mit bangen Blicken schauen die Roländer zurzeit auf die Arbeit der Insolvenverwalter. Von ihren Entscheidungen hängt die Zukunft von fast 1900 Menschen in der Region ab - und die ihrer Familien. Von Marc Kuhn

An den Standorten in Augsburg und Plauen zittern ebenfalls tausende Kollegen. Bis Ende Januar leben die von einer jahrelangen Krise in der Druckindustrie ohnehin gebeutelten Mitarbeiter von „manroland“ noch vom Insolvenzausfallgeld. „Das größte Problem ist die Ungewissheit“, sagt Susanne Kretschmann unserer Zeitung. „Was ist nach dem 31. Januar?“, fragt die zweifacher Mutter, die seit 23 Jahren bei dem Offenbacher Traditionsunternehmen arbeitet. Ihre Ängste teilen wohl alle Roländer, die vor gut zwei Wochen von der Zahlungsunfähigkeit des Unternehmens erfahren haben.

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„Ich bin der Hauptverdiener“ berichtet Kretschmann, die einen Teilzeitvertrag hat. Ihr Mann war eineinhalb Jahre arbeitslos. Er hat gerade erst wieder einen Job in einem Lager gefunden - „über eine Zeitarbeitsfirma. Es ist ja bekannt, dass die nicht viel bezahlen.“ Schon jetzt dreht das Ehepaar jeden Euro zweimal um, nicht zuletzt, weil Kretschmann in den vergangenen Jahren Einbußen wegen Kurzarbeit verkraften musste. Da der Arbeitsanfall aber hoch war, konnte sie nicht immer zu Hause bleiben. Wenn Kretschmann allerdings vier Tage im Monat kurzarbeitete, fehlten rund 100 Euro pro Monat auf dem Gehaltszettel.

Nun sorgt sich die Familie mit ihren sieben und acht Jahre alten Kindern auch um das 2009 gekaufte Haus in Lämmerspiel. „Finanziell wird das richtig eng bei uns, wenn es hier nicht weitergeht“, sagt die 42-jährige Bürokauffrau, die sich auch im Betriebsrat von „manroland“ engagiert. „Wir rechnen nur bis Januar“, berichtet sie. Die Familie versuche so viel Geld wie möglich zurückzulegen. „Damit wir davon zehren können. Aber: Am Ende des Monats bleibt nicht viel übrig.“

Weniger Weihnachtsgeschenke für die Kinder

Die Kleinen bekommen die Insolvenz von „manroland“ beim Weihnachtsfest zu spüren. Der Gabentisch ist nicht mehr so reichlich gedeckt. „Wir haben mit den Kindern verabredet, dass sie ein größeres Geschenk zusammen bekommen,“ berichtet Kretschmann. „Sonst gibt es nichts. Früher gab es Kleinkram drum herum. Das gibt es in diesem Jahr nicht.“ Mit ihren Kindern hat Kretschmann auch über die Insolvenz gesprochen. „Ich habe ihnen gesagt, ich weiß nicht wie es wird.“ Jetzt würden sie jeden Tag fragen: „Mama, bist du rausgeschmissen worden oder noch nicht?“ Natürlich verstehen die Kinder die Situation nicht, wie die Mutter weiß. „Das kommt erst, wenn man sagt, ich habe keine Arbeit mehr, und jetzt geht noch weniger wie vorher.“

Zeit zum Grübeln bleibt der Betriebsrätin nicht. In der Insolvenz fällt reichlich Arbeit an. „Der Akku ist leer“, erklärt sie. „Man fragt sich, für was mach’ ich das eigentlich? Ich habe aber immer noch einen Funken Hoffnung, dass es weitergeht.“ Spekulationen über eine Zerschlagung von „manroland“ sieht Kretschmann gelassen. „Eigentlich ist es mir egal, wie es weitergeht. Wenn ich meinen Arbeitsplatz behalten könnte, wäre das ein Riesending.“

Die Stimmung in der Belegschaft, die seit Jahren Einbußen hinnehmen musste, schwankt nach Beobachtung von Kretschmann mittlerweile zwischen gedämpftem Optimismus und Resignation. „Die einen sagen, es wird sich schon irgendein Investor finden. Die anderen sagen, wenn nicht, ist es auch gut.“

Viele der Kollegen werden deshalb wohl die Meinung von Kretschmann über den Vorstand von „manroland“ teilen. Die Manager seien ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden, klagt sie. „Die Belegschaft hat den Vorstandsvorsitzenden Finkbeiner seit zwei Jahren nicht gesehen“, kritisiert Kretschmann. „Ich bin der Meinung, dass Herr Finkbeiner nicht am Offenbacher Standort interessiert ist. Und die Belegschaft sagt: Es sind immer die gleichen Manager da, und es geht immer weiter bergab.“

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