Das Mantra vom einen Strang

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Sie wollen es mit ihren Mitarbeitern richten (von links): Pflegedienstleiterin Sabine Braun, der Ärztliche Direktor Professor Norbert Rilinger, Verwaltungsdirektorin Marin Gereke, Geschäftsführerin Franziska Mecke-Bilz, Krankenhausdezernent und Stadtkämmerer Michael Beseler.

Offenbach - Der rote Faden des Abends ist der sprichwörtliche eine Strang, an dem alle ziehen. Von Thomas Kirstein

Es hat etwas von einem Mantra, einer Beschwörungsformel, wie die Redner des Klinik-Neujahrsempfangs unabhängig voneinander den festen Willen von Führung und Belegschaft versichern, jeweils ihren Teil zur Sanierung des schwer defizitären Offenbacher Krankenhauses beizutragen. Und die Metapher bleibt nicht nur verbal: Am Ende ihres Beitrags präsentiert Geschäftsführerin Franziska Mecke-Bilz ein Foto, auf dem sich Rettungsbeteiligte an einer dicken Kordel demonstrativ ins Zeug legen.

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Das Thema Klinikum bewegt – am Mittwochabend trotz Kälte an die 350 Beteiligte und Interessenten in Richtung Rathaus. Sie wollen im Stadtverordnetensitzungssaal hören, wie es weitergehen kann und soll. Viel ist seit dem Vorjahres-Empfang passiert. So wurde offenbar, dass ein riesiger Schuldenberg nicht nur wegen des 160-Millionen-Euro-Neubaus drückt, sondern auch wegen steigender Fehlbeträge im Betrieb. Allein 2011 fehlten 46 Millionen in der Kasse. Der Geschäftsführer, der im Februar 2011 mit schönen Worten im „Jahr der Entscheidung“ eine Deckung der Ausgaben anpeilte, ist inzwischen mit silbernem Handschlag verabschiedet.

Noch da ist der zuständige Dezernent, Stadtkämmerer Michael Beseler. Dessen Worte drängten vor einem Jahr unserer Zeitung die Schlagzeile „Mehr Millionen gibt’s nicht“ auf. Nicht lange danach musste die Stadt noch einmal, wie schon 2010, 30 Millionen Euro überweisen, um ihr Klinikum zahlungsfähig zu halten. 2012 ist das erneut nötig, wie Beseler wenig überraschend in seinem Grußwort vorträgt. Aber, so der Sozialdemokrat, man habe ja die entscheidenden Schritte für eine Neuausrichtung eingeleitet.

Nicht neu, aber zu betonen unumgänglich: Alle, die beim Klinikum mitreden, haben als Priorität die „kommunale Lösung“. Über einen Verkauf an Privat wird noch nicht ernsthaft nachgedacht.

Kommunale Bekenntnisse

Der Ärztliche Direktor Professor Norbert Rilinger, der die Gäste begrüßt hat, der Kämmerer und Chefin Mecke-Bilz nennen als Voraussetzung die Aufteilung in Besitz- und Betriebsgesellschaft. Das heißt nichts anderes, als dass sich die arme Stadt die bestehenden Schulden und die jährlichen Neubaulasten (17 Millionen Euro) auflastet, damit das Klinikum davon unbelastet wirtschaften kann. Außerdem setzen alle auf einen Offenbacher: Dass Hessens Sozialminister Stefan Grüttner die Bildung einer kommunalen Krankenhaus-Holding vorantreiben will, wird als große Chance begrüßt. Rilinger regt scherzhaft einen RKKH an: den Rettungsschirm für eine kommunale Krankenhaus-Holding in Hessen.

Notwendige Hilfe von außen wird jetzt mit gutem Gewissen angemahnt. Denn die eigenen Hausaufgaben würden bereits erledigt, sagt der Ärztliche Direktor. Als es im vergangenen Jahr mit eigenen Ideen nicht mehr weiterging, holte sich Offenbach kommunale Hilfe in der Ferne, eine Abordnung des am Mittwoch mit Dankesworten überschütteten Berliner Krankenhausverbunds Vivantes analysierte Bestehendes und erstellte in Zusammenarbeit mit den Offenbachern einen harten Sanierungsplan. Vivantes-Frau Franziska Mecke-Bilz ist Anfang Februar von der Interims- zur regulären Geschäftsführerin avanciert und hat in Marion Gereke eine Verwaltungsdirektorin mitgebracht.

Die neue Chefin lässt keine Zweifel aufkommen, wo aufgespürte Schwachstellen liegen. Mecke-Bilz formuliert es positiv, als Zielvorgaben, die zu erreichen man auf einem guten Weg sei: Es müssen mehr Patienten (2011: 34000 stationär, 66300 ambulant) gewonnen werden, dazu auch bislang eher abgeneigte einweisende Ärzte überzeugt werden; „klar strukturierte Systemabläufe“ sollen die Kapazitäten des kostenintensiven OP-Bereichs ausschöpfen; am kritischen Punkt Notaufnahme ist zu arbeiten; neue Konzepte für medizinische Strukturen sind, auch in Kooperation mit anderen Häusern und niedergelassenen Kollegen, zu entwickeln. Was sie zur Feier des Tages nicht explizit sagt: Gegenüber vergleichbaren Kliniken ist Offenbach bislang unterdurchschnittlich produktiv. Sie betont die Notwendigkeit des Personalabbaus und das „tollkühn klingende“, gleichwohl realistische Vorhaben, mit weniger Leuten mehr zu leisten, ohne dass darunter die Versorgungsqualität für die Patienten leidet.

Tollkühnes Vorhaben

Das verlangt den zirka 2600 Mitarbeitern einiges ab. „Aber wir haben einen Plan“, sagt in ihrem Grußwort die Pflegechefin Sabine Braun, „wir überprüfen Strukturen, Traditionen und Liebgewonnenes“. Und sie verspricht „Toleranz gegenüber jenen, die erst einmal Widerstand leisten wollen“. Aber den Worten beim Neujahrsempfang zufolge sind das nur wenige. Die Mitarbeiter, ihre Vertretung und die Gewerkschaft ernten viel Lob für ihre Kooperationsbereitschaft.

Begeisterung über allgemeine Aufbruchstimmung vermittelt der Ärztliche Direktor, ohne die Gefahr zu verschweigen, in der das Klinikum wegen „struktureller Ineffizienzen mit entsprechenden negativen finanziellen Auswirkungen im operativen Geschäft“ geraten ist. Aber jetzt habe man ja ein Sanierungskonzept, jubelt Professor Rilinger: „Diesen Plan zeichnet etwas aus! Er wird gelebt!“ Indem, siehe oben, eben alle gemeinsam an einem Strang ziehen. Der hat allerdings nur Strohhalmstärke, wie sich viele Gäste bewusst sind: Klappt’s diesmal nicht, ist’s bald vorbei mit der kommunal-selbstständigen Herrlichkeit des Klinikums Offenbach.

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