Neobarocke Marienkirche

Schönheitskönigin unter Offenbachs Kirchen

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So sieht’s Pfarrer Hans Blamm vom Altar aus: Empore an der Rückwand des Hauptschiffes über dem Haupteingang mit freigelegtem Mittelfenster.

Unter den katholischen Kirchen Offenbachs ist sie die Schönheitskönigin. Selbst wer kein Freund barocker Prachtentfaltung ist, muss gestehen, dass die Ausstattung von St. Marien ihresgleichen sucht. 100 Jahre ist es her, dass das Gotteshaus geweiht wurde. Von Markus Terharn

Die Industrialisierung der Stadt und das Wachstum der Bevölkerung machten zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine zweite Kirche für Offenbachs Katholiken notwendig. Nach zwei Behelfslösungen wurde 1911 an der Bieberer Straße in Höhe Mathildenplatz der Grundstein gelegt. Es ist die einzige neubarocke Kirche der Stadt, errichtet in Stahlbetonbauweise unter Leitung von Dombaumeister Professor Ludwig Becker, Architekt Anton Falkowski und Pfarrer Bernhard Grein. Zur Weihe kam Bischof Georg Heinrich Maria Kirstein eigens aus Mainz.

Eingefriedeter Paradieshof

Der Besucher betritt die Kirche über den eingefriedeten Paradieshof. Blickfang über dem Portal ist die Sandsteinplastik „Unsere liebe Frau vom heiligen Rosenkranz“ – dies ist zugleich der offizielle Name des Gotteshauses. Maria, Schwester im Glauben, ist Leitthema.

Eine Rosengirlande zieht sich von der Marienfigur zu zwei Engeln und über die Seitenaltäre bis zum Hochaltar. „Da unser Glaube in Christus gründet, der Anfang und Ende der Heilsgeschichte kennzeichnet, bekrönt sein Kreuz über dem Mittelfenster das Mittelportal und den Turmhelm“, weiß Pfarrer Hans Blamm zu berichten. Den Giebelabschluss ziert das Kirsteinsche Wappen. Die Monumentalfassade aus Sandstein schuf Bildhauer Hans Steinlein aus Eltville.

60 Meter hoher Glockenturm

Auferstandener Christus des Bildhauers Wolfgang Duksch

Weithin zu sehen ist der 60 Meter hohe Glockenturm, gekrönt vom Turmhelm mit Kreuz und Wetterhahn. Eine Besonderheit: Die Turmuhr mit drei schmiedeeisernen, vergoldeten Zifferblättern ist städtisches Eigentum. Imposant sind die Abmessungen. Das Hauptschiff hat eine Länge von 40, eine Breite von 18 Metern. Es bietet 400 Sitz- und 200 Stehplätze. Das Längsschiff ist durch je vier Pfeiler mit drei Arkadenbögen von den fünf Meter breiten Seitenschiffen getrennt. Diese sind durch je zwei Beichtstühle und plastische Einfügungen gegliedert.
Den Chor beherrscht der Hochaltar. Er verleiht dem Raum als Thron Gottes unter den Menschen den Charakter eines Audienzsaals. „Da reiht sich die Ortsgemeinde in die Heilsgeschichte des Volks Gottes ein“, so die theologische Begründung. Denn dort versammeln sich die Gläubigen zur Eucharistiefeier. Plastiken zweier Kirchenväter zeigen exemplarisch christliches Leben: links Ambrosius, ab 374 Bischof von Mailand; rechts Leo der Große, Papst von 440 bis 461. Marien- und Herz-Jesu-Altar mit heiligem Grab zieren die jeweilige südliche Querschiffwand.

Fensterzyklus wurde im Krieg zerstört

Evangelisten-Darstellung an der Kanzel

Die Rückseite des Baldachinaltars trägt ein Gemälde auf Leinwand. Es schließt den im Krieg zerstörten Fensterzyklus ab, der die Krönung Mariä nach einer Vorlage von Diego Velázquez zeigt. Die glorreiche Kirche rechts unten ist vertreten durch den Heiligen Dominikus, auf den das Rosenkranzgebet zurückgeht, Papst Pius V., Förderer dieses Gebets angesichts der Bedrohung des Abendlands durch die Araber, und die „Sozialheilige“ Elisabeth von Thüringen. Die damalige Kirche vertreten unter anderem Bischof Kirstein und Papst Leo XIII.
60 Jahre nach ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg erstanden die Fenster dank Spenden neu. Die östliche Morgenseite schmücken Motive des freudenreichen Rosenkranzes: Jesus, vom Heiligen Geist empfangen, in Bethlehem geboren und im Tempel wiedergefunden. Die westliche Abendseite ist dem schmerzhaften Rosenkranz gewidmet: Jesus, der für uns Blut geschwitzt hat, für uns gegeißelt und gekreuzigt worden ist.

Glorreicher Rosenkranz ist ein Blickfang

Das Vortrage-Kreuz ist ein Neuerwerb aus dem Jahr 2012.

Motive des Glorreichen Rosenkranzes sind Blickfang der Querhausfenster und des Altarbilds: Jesus, der in den Himmel aufgefahren ist, Maria in den Himmel aufgenommen und Maria im Himmel gekrönt hat. Die Fenster wurden 2002 bis 2004 von der Kunstglaserei Klotzbach in Mühlheim nach alten Vorlagen rekonstruiert.
Die historische Orgel auf der Empore über den Eingangsportalen schuf 1914 die renommierte Firma Klais in romantischer Stimmung. 1973 wurde die pneumatische durch eine elektropneumatische Traktur ersetzt und ein freistehender Spieltisch hinzugefügt. Die zweimanualige Denkmalorgel weist etwa 1750 Pfeifen in 30 Registern auf. Sie zählt zu den lediglich sechs erhaltenen Instrumenten der heute noch existierenden Vorzeigefirma aus jener Zeit. Von 1999 bis 2001 wurde sie generalüberholt und das vermauerte Mittelfenster freigelegt.

2000 entstand unter dem Boden eine Krypta

Mit der Kirchensanierung um das Jahr 2000 entstand unter dem Boden eine Krypta, die den Namen der Heiligen Maria Giuseppa Rossello trägt. Ihre Reliquien sind im Voraltar der Marienkirche beigesetzt. „Da Offenbach ein sozialer Brennpunkt ist, wo italienische Schwestern aus der Ordensgemeinschaft Töchter Unserer Lieben Frau der Barmherzigkeit Dienst tun, fand die Ordensgründerin unser Interesse“, lautet die Begründung für die Wahl der Patronin. Bischof Karl Kardinal Lehmann weihte die Krypta 2001.

Wichtigstes Element ist der Altar, um den sich 30 Gläubige im Halbkreis versammeln können. Erreichbar ist die Krypta über den Hof an der Sakristei. Eine Wendeltreppe verbindet sie mit dem Altarraum. Das Altarbild der früheren Notkirche ist neben dem Kreuz auch der einzige Schmuck dieses so schönen wie schlichten Raums.

300 Stufen führen in die Turmstube

Kandelaber-Kerze für den Apostel Matthäus

300 Stufen führen in die Turmstube hinauf. Die Namen der vier Denkmalglocken bringen Gebetstexte der „Marianischen Antiphonen“ zum Klingen: „Maria Pia“ (die Fromme), „Maria Regina“ (die Königin), „Maria Speciosa“ (die Auserwählte) und „Maria Inviolata“ (die Unversehrte).
Dieses vierstimmige historische Geläut, gegossen 1913 von Karl Hamm aus Frankenthal, wurde 1999 um zwei Bassglocken von H. A. Mark aus Brockscheid ergänzt – die Heilig-Geist-Glocke „Annuntiata“ sowie die Josefs- und Totenglocke „Memoria“. Hinzu kam 2005 die Klangkrone mit zwei Glocken von Cornelia Mark-Maas aus Brockscheid – die Evangeliumsglocke „Heilige Maria Giuseppa Rossello“ und die Wandlungsglocke „Heilige Anna“.

Turm hat tontiefstes Geläut im Bistum

„Damit ist vom Turm der Marienkirche das tontiefste, schwerste Geläut im Bistum Mainz zu hören“, freut sich Blamm, den manche „Glockenpfarrer“ nennen. 17 040 Kilogramm bringen die acht tönenden Schwergewichte zusammen auf die Waage.

Wer einmal abends um neun Uhr in der Glockenstube sein durfte, wenn sich das Schlagwerk in Bewegung setzt, vergisst das nie. Alle anderen können am Ostersonntag um 15 Uhr das Geläut im Konzert erleben. Oder die Glocken-CD von Felix Kaiser im Pfarrhaus erwerben. Dort gibt es außerdem die Festschrift „St. Marien in Offenbach am Main“, erschienen zur Wiedereröffnung 2001.

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