Podiumsdiskussion mit Kardinal Karl Lehmann

Öffnung der Marienschule für Juden und Muslime: „Nichts wird verwässert“

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Zirka 200 Zuhörer füllten den Saal der Marienschule bei der Diskussion mit Kardinal Karl Lehmann.

Offenbach - Die Marienschule nimmt künftig eine begrenzte Anzahl jüdischer und muslimischer Mädchen auf. Als erste katholische weiterführende Schule in Deutschland hat sie ein solches Konzept vorgelegt. Ziel ist eine „Profilschärfung durch Öffnung“. Von Harald H. Richter

„Die Wesenskerne der Religionen entdecken und begreifen, das funktioniert am ehesten durch Zuhören, größtmögliche Teilhabe und im Miteinander-Lernen.“ So formuliert Karl Kardinal Lehmann seine Erwartungen an „das Experiment“, wie er den mutigen Beschluss bezeichnet, dass an der katholischen Schule seit Schuljahrsbeginn auch Mädchen muslimischen und künftig jüdischen Glaubens unterrichtet werden.

Gut 200 Zuhörer sind zur Podiumsdiskussion mit dem Bischof an die Ahornstraße gekommen, meist Eltern, Lehrer, Ehemalige und Schülerinnen, aber auch Vertreter aus Politik und Gesellschaft. Moderiert von Journalistin Uta Rasche, diskutieren an Lehmanns Seite der Frankfurter Professor für islamische Theologie und Koranexperte Ömer Özsoy, der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Mark Dainow, sowie Schulleiterin Marie Luise Trocholepczy.

Es geht nicht mehr um die Frage, ob das Kapitel „Profilschärfung durch Öffnung“ an der Marienschule geschrieben wird, an der zurzeit 900 Mädchen ab der fünften Jahrgangsstufe unterrichtet werden. Sondern darum, welche Hoffnungen die Diskutanten damit verbinden. Die Entscheidung, fortan neben Mädchen katholischer und evangelischer Konfession auch solche muslimischen und jüdischen Glaubens aufzunehmen, war am Ende eines intensiven Prozesses und – wie Trocholepczy betont – einvernehmlich mit Eltern, Schülervertretung und Kollegium getroffen worden. Wert wird darauf gelegt, dass die Marienschule nach der Erweiterung ihrer Ausrichtung dem Erbe der Ursulinen verpflichtet bleibt.

„Ich setze große Zuversicht ins Gelingen“, sagt Kardinal Lehmann. „Nicht jede katholische Schule ist dafür geeignet, diese jedoch wohl.“ Der Dialog an der Gesamtschule mit Schwerpunkt Musik, gymnasialer Oberstufe und Berufsfachschule sei ein Prozess, dessen Entwicklung abzuwarten sei und sich nicht automatisch auf andere Einrichtungen in Trägerschaft des Bistums übertragen lasse. „Ich bin überzeugt, dass man zu den Menschen, die dieses Konzept anpacken, Vertrauen haben kann.“

Für Professor Özsoy bedeutet die Zustimmung des Bistums zum bundesweit bislang einzigartigen Modell einen „wichtigen Beitrag“ zur Normalisierung der Bildungslandschaft. Bei der frühkindlichen Bildung und Betreuung allerdings setzt die jüdische Gemeinde in Offenbach schon länger Akzente, hebt Mark Dainow hervor. Der von ihr betriebene interreligiöse Kindergarten an der Kaiserstraße wird zu etwa je einem Drittel von Mädchen und Jungen aus jüdisch, christlich und muslimisch geprägten Elternhäusern besucht. „Das ist gelebtes Miteinander.“

Bilder: Abiball der Offenbacher Marienschule

Er sei überzeugt, dass mit der Öffnung der Marienschule in der Gesellschaft das friedliche Zusammenleben der monotheistischen Religionen gefördert werde, die vieles gemeinsam hätten. Vor 26 Jahren war Dainows Tochter die Aufnahme an der Marienschule aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit noch verwehrt worden.

In ihrer Schule erlebten Heranwachsende heute, dass ihr Glaube dem Leben tiefen Sinn und Richtung gebe, ergänzt Trocholepczy. Wer den anderen achte und verstehe, reife heran zu einem verantwortungsbewussten und toleranten Menschen. Sie hält Befürchtungen für unbegründet, die Marienschule leite eine schrittweise Abkehr von christlichen Werten ein oder unterwerfe sich ökonomischen Sachzwängen, um sich langfristig als private Bildungsstätte zu halten. „Nichts wird verwässert“, zerstreut sie eine durchaus im Saal spürbare Skepsis und Besorgnis eines Teils der Elternschaft. „Die religiöse Identität wird nach wie vor gelebt und nunmehr erweitert.“

Achtung und Respekt vor dem jeweils anderen drücke sich im Beisein an dessen Gebet aus, ohne etwas vom eigenen Glauben aufzugeben. „Selbst wenn ein muslimisches Mädchen ein christliches Gebet nicht mitspricht, so betet es doch mit dem Herzen mit“, betont der Bischof. Auch das rituelle Gebet im Islam könne nicht ohne seine jüdisch-christlichen Wurzeln verstanden werden, betont Professor Özsoy. Jetzt gebe es Zeit und Ort, über die gemeinsamen Wurzeln im Sinne der abrahamitischen Ökumene nachzudenken.

Abiball der Marienschule

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