Mark Herbert berichtet, wie sich sein Alltag verändert hat

Lebensmut blieb nach brutaler Prügelattacke unverletzt

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Auch Ärzte sind überrascht darüber, wie gut sich Mark Herbert nach der schweren Attacke im Sommer 2012 entwickelt hat. Doch im Alltag hat der 26-Jährige mit Vorurteilen zu kämpfen: „Der Rollstuhl schreckt viele ab.“ Weil seine Durchblutung schwächer ist als früher, friert er heute leichter und kühlt schneller aus. Ein Pulli im Juli ist für ihn deshalb nichts Außergewöhnliches.

Offenbach - Der junge Mann, der Einlass in seine barrierefreie Wohnung im Erdgeschoss eines Mehrfamilienhauses gewährt, hat mit dem Bild, das viele aus den Medien, von Flugblättern und dem Aufruf im Kickers-Stadion kennen, nicht mehr viel gemeinsam. Von Jenny Bieniek

Drei Jahre nach der schweren Attacke beim Aussichtsturmfest, wo ein Unbekannter ihn in den Rollstuhl prügelte, hat Mark Herbert sein Leben im Griff. Doch der Weg dahin war lang und beschwerlich. Das einst ausgemergelte, der Sondennahrung geschuldete Gesicht ist voller, die Lebensfreude ist zurückgekehrt. Drei Jahre nach dem brutalen Angriff in Bieber, dessen Folgen ihn an den Rollstuhl fesseln, hat sich Mark Herbert mit seinem eingeschränkten Leben arrangiert. „Mir geht’s gut, ich komme zurecht“, sagt der heute 26-Jährige. Doch bis dahin war es ein langer Weg.

In seiner Wohnung dominieren schwarz-weiße Ornament-Tapeten. Die Gänge sind breit, eine Pflegerin steht ihm rund um die Uhr zur Verfügung. Früher lebte Herbert in dieser Wohnung mit seinen Eltern. Dann hatte er sich ein halbes Jahr vor dem Tag, der sein Leben dramatisch verändern sollte, eine eigene kleine Wohnung nahe dem Stadtkrankenhaus eingerichtet. „Das waren zwei Zimmer im Hochparterre, nach dem Unfall haben wir dort alles aufgelöst“, sagt er, „ohne Aufzug ging’s ja nicht mehr.“ Jetzt ist er zurück im früheren Haus. Seine Eltern sind über ihn gezogen.

13 Monate verbrachte Mark in Kliniken und Reha. Erst in Offenbach, dann per Helikopter nach Kassel, schließlich Hessisch Lichtenau. Als er nach drei Tagen ohne Bewusstsein aufwachte, wusste er sofort, was passiert war. „Da fällt man erstmal in ein tiefes Loch“, erinnert sich der gelernte Landschaftsgärtner, der zuletzt in der Klimabranche tätig war. In Folge der schweren Tritte und Schläge des Angreifers von 2012 ist er seither vom Hals abwärts gelähmt.

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Groll auf seinen Peiniger hegt Mark nicht: „Ich konzentriere mich lieber auf mich selbst.“ Trotzdem hofft er, dass dieser bei Ergreifung lebenslange Sicherheitsverwahrung kriegt. „So, wie’s derzeit aussieht, ist der Typ ja bekannt. Wer weiß, wie viele Menschen er vorher schon verkrüppelt hat.“ Um andere vor ihm zu schützen, sei Wegsperren ein Muss. Mark erinnert sich an den Alltag auf der Intensivstation, den er lange ertragen musste: „Wenn es juckt, kannst du dich nicht kratzen. Das Sprechen fällt schwer, du hast Monitore um dich herum und einen Schlauch im Hals. Alle paar Minuten piepst was.“ Die Ursprungsprognose: lebenslange Dauerbeatmung.

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Psychologen, Physio- und Ergotherapeuten kümmerten sich um ihn. „Ich musste wieder lernen, selbstständig zu atmen. Angefangen hat’s mit fünf Minuten. Als ich eine Stunde schaffte, war das unglaublich toll“, erinnert er sich. Eine Lungenentzündung bremste den Erfolg aus. „So war das oft: Ein Schritt zurück, zwei wieder vor“. Anfangs habe er nur gelegen, war oft depressiv. „Es gab Tage, da wollte ich nur in Ruhe gelassen werden“, sieht er zurück. Jedesmal, wenn die Schwestern die Rückenlehne des Krankenbettes aufstellten, wurde ihm schwindelig und schwarz vor Augen. Erst nach und nach stabilisierte sich der Kreislauf. Auch das Sitzen musste Mark mühsam lernen. Jeden Tag ein bisschen länger. Es dauerte drei Monate, bis er in den Rollstuhl umziehen konnte.

Seit Juni 2014 ist er auch die Beatmungskanüle los. „Das hat mir enorme Lebensqualität zurückgegeben“, freut er sich, „ohne Schläuche geht vieles leichter.“ Trotzdem muss er jeden Tag zehn Tabletten schlucken. Auf Schmerzmittel kann er inzwischen verzichten. Seine Arme kann der Sommerliebhaber, der heute viel Zeit im Garten verbringt, ein gutes Stück bewegen. Sie sind noch zu 30 Prozent funktionsfähig. Greifen und heben aber geht nicht. „Ich kann höchstens mit dem Ellenbogen den Knopf im Aufzug drücken“, merkt der Offenbacher an. Den Rollstuhl navigiert er via Kinnsteuerung, ebenso das festinstallierte Tablet, mit dem er im Internet surft, telefoniert, chattet und seit Neuestem auch seine Rolläden bedienen kann.

Was bedeutet eigentlich Sicherungsverwahrung?

Früher war Mark großer OFC-Fan, Heimspiele waren Pflichtprogramm. Heute geht er nicht mehr ins Stadion. „Ich war mal auswärts mit, aber wenn man seine Emotionen nicht mehr ausleben und das Bier nicht mehr wie sonst trinken kann, ist es einfach nicht mehr dasselbe“, sagt er. Hüpfen, singen, klatschen - das alles gehört für ihn der Vergangenheit an.

Auch sein soziales Umfeld hat sich seit der Tat drastisch verändert. „Früher hatte ich hundert Freunde, heute habe ich einen“, sagt er. Er klingt gefasst dabei. „Viele kennen mich heute nicht mehr, wenn ich in der Stadt unterwegs bin.“ Zu Beginn sei es ihm schwer gefallen, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen, gesteht er. „Die Leute haben geguckt und getuschelt. Es war mir unangenehm, wenn im Restauarnt der Weg für mich freigeräumt werden musste.“ Sich zurückzuziehen, sei trotzdem nie eine Option gewesen. „Meine Familie hat mir immer den Rücken gestärkt“, sagt er heute. Inzwischen interessieren ihn die Reaktionen anderer nicht mehr. Dafür sei ihm sein Aussehen wichtiger geworden, verrät er. Seinen Friseur besucht er jede Woche. „Der Rollstuhl wirkt schon abschreckend genug, da muss ich wenigstens passabel aussehen“, findet Mark.

Auch sein Verhalten hat sich geändert. „Ich achte mehr darauf, wie ich mit meinem Umfeld umgehe. Ich bin höflicher als früher, schon allein, weil ich immer auf andere angewiesen sein werde“, sagt er. Noch etwas Gutes kann er seiner Geschichte abgewinnen: „Jetzt weiß ich, wer wirklich meine Freunde sind.“ Und er hat Zukunftspläne: „Deutschland erkunden“, sagt er entschlossen. In Berlin war er mit dem Rollstuhl bereits, Hamburg und Bremen sollen folgen.

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