Markthäuschen: Hessische Familienflucht

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Gastwirt Eric Münch lädt stressgeplagte Offenbacher zum weihnachtlichen Anglühen mit heißem Ebbelwoi am 24. Dezember.

Offenbach -24 Tage bis Weihnachten. Hausnummern von 1 bis 24. Zwei Dutzend Türen für unseren Adventskalender 2014: Die öffnen wir jeden Tag bis Heiligabend und stellen vor, was oder wer sich dahinter verbirgt. Menschen, Einrichtungen, Produkte, kleine Geheimnisse, Alltägliches, Adventliches. Von Eva-Maria Lill

Kulthessisches findet der Gast am Markthäuschen, Postanschrift Bieberer Straße 9B, zuhauf: Es fängt schon vorm Betreten an. Draußen steht ein säuberlich beschriebenes Schild, darauf launige Einstimmung auf winterlichen Gänsebraten: „Es war eh Gänsje aus Dribbebach/ Die kam als niwwer nach Offebach/ Un ging mit ihr’m Geschnadder/ Jedem uff die Knadder.“

Dichterfürst und kulinarischer König hinterm Tresen: Eric Münch. Der Ur-Offenbacher mit verwegen-verschmitztem Rockercharme weiß um die Bedürfnisse seiner Kundschaft. Vor elf Jahren übernahm der 47-Jährige mit Bruder Jörg die Organisation des zentral gelegenen Restaurants, seit zwei Jahren führt er es allein. Je nach Gästeaufkommen arbeiten bis zu zwei Köche hinter und zwei Bedienungen vor den Kulissen, Münch wirbelt dazwischen, legt selbst Hand an, wo es eben geht.

Die Geschichte des Hauses ist stadtbekannt: 1911 als Unterstand und Geräteschuppen für die Marktbeschicker gebaut, wurde es 1986 zum kulinarischen Tempel von André Dubois. Das „Cloche-merle“ war ein Bistro im französischen Stil. Münch hingegen ist „in fünfter Generation stolzer Bieberer“ und hat sich ganz der hessischen Küche verschrieben. Die Einkäufe erledigt er schnell vor der Haustür: An Markttagen werden Gemüse, Eier, Fleisch und Handkäs vom Stand auf den Teller zubereitet. Höchstens einmal in der Woche geht es in den Großhandel. Das einkaufen, was es nicht von glücklichen Höfen aus der Nähe gibt.

Traditionelles an Weihnachten

Saisonal lautet das Stichwort: „Momentan servieren wir viele Kohlgerichte, je nach Jahreszeit variiert die Tageskarte.“ An Weihnachten gibt es eher Traditionelles: Würstchen und Gans. Handkäs mit Zimt und Spekulatius sucht der Experimentierfreudige vergeblich. Außergewöhnliches wagt Münch eher zum Dessert: Glühweinparfait oder weißes Tobleronemousse stehen auf der Karte.

Ansonsten ist das Markthaus bekannt für kulinarische Experimente. Nicht immer geht dabei alles glatt. Münch nimmt es gelassen: „Einmal hat unser Koch beim Zubereiten von Spargel die Sauce Hollandaise mit Vanillesauce verwechselt. Die Kunden dachten, das sei der neuste Schrei. Wirklich lecker fanden sie es allerdings nicht und es hat gedauert, bis sich jemand getraut hat, den Irrtum anzusprechen.“ Am 24. Dezember hat das Restaurant bis 15 Uhr geöffnet, in der kleinen Hütte vor dem Haupteingang werden heißer Äppler, Glühwein und Sekt verkauft. Die hartgesottensten Familienflüchtigen sitzen auch bei Minusgraden auf der Terrasse. Und das, obwohl seit der Renovierung 20 kuschelige Plätze mehr zur Verfügung stehen. Vergangenes Jahr wurden die öffentlichen Toiletten nach außen verlegt. „Mein Rock"n"Roll Zimmer“, nennt Münch den gewonnenen Raum liebevoll, Musikband-Drucke an den Wänden. Auch ein Hauch Asien weht um den hellgelb gestrichenen Putz. „Ich reise gern und lasse mich von der guten Küche inspirieren“, verrät der Gastwirt.

In elf Jahren Restaurantbetrieb kommen einige Geschichten zusammen. Grinsend drückt Münch den Gästen einen Papierbogen in die Hand. Der Comic „Zusammerutsche. How to behave in an Offenbacher Biergarden“ ist Kult. Und der Titel Programm: „Ich setzte gern fremde Leute zusammen an einen Tisch und schaue, was passiert.“ Münch schätzt übrigens, dass sich so bereits sieben Pärchen kennengelernt haben. Da ist es Ehrensache, dass der Hochzeitsschmaus dann auch am Wilhelmsplatz genossen wurde.

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