Marktplatzsperrung: Fußgängers Freuden

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Von der Berliner Straße aus ist die Zufahrt zum Marktplatz derzeit nur für Busse, Taxis und Lieferverkehr erlaubt.

Offenbach - Augen links, Augen rechts, ein ungläubiger Blick auf die ausgeschaltete Ampel, und mit dem Ausdruck einer gewissen Befriedigung im Gesicht geht’s zu Fuß, mit Kinderwagen oder mit Rollator über die Fahrbahnen des Marktplatzes. Von Matthias Dahmer

Der viertägige Freiluft-Laborversuch am lebenden Verkehrsteilnehmer beginnt unspektakulär zögerlich. Das Fehlen der die Fußgängerströme kanalisierenden Lichtzeichenanlagen, die Abwesenheit jeglichen Pkw-Verkehrs und verärgerte Autofahrer, denen von der Stadtpolizei die Zufahrt von der Berliner Straße her verwehrt wird, sind gestern Vormittag zunächst die sichtbarsten Zeichen für das städtische Vorhaben, sich ein ungefähres Bild von einem neuen, attraktiveren, grüneren, verbindenden und verkehrsberuhigten Marktplatz zu machen.

Keine Frage, die meisten Fußgänger freut es. Selbst diejenigen, die, trotz Ankündigung auf breiter Front, nichts mitbekommen haben vom Marktplatz-Experiment (und das sind nicht wenige), finden es gut, dass sie zumindest bis zum Samstag gleichberechtigt sind, dass selbst die Busfahrer angehalten sind, Rücksicht auf überall querende Passanten zu nehmen. Die Reaktionen reichen von „ideal“, das einer Dame aus Bieber zu entlocken ist, über „endlich ohne Stress die Straße überqueren“, wie ein Obertshausener meint, bis hin zum „super“ einer Rödermärkerin.

„Warum wird dafür Geld ausgegeben?“

Nicht alle stimmen in den Chor ein: „Warum wird dafür Geld ausgegeben? Es gibt doch wirklich Wichtigeres, wie zum Beispiel Kitas und Altentagesstätten“, gibt das Ehepaar aus Bürgel zu bedenken. Noch deutlicher wird Ulrike Schmittinger, Chefin des Schuhhauses Pauthner: „Das ist ein Unding mit der Sperrung. Wir sind alle auf die Kundschaft von außerhalb angewiesen.“

Als Beispiel nennt sie Kunden aus Mühlheim, die über die Berliner die Innenstadt-Parkhäuser ansteuern. „Die kommen an diesem Wochenende bestimmt nicht nach Offenbach“, befürchtet Schmittinger. Sie ist extra zum Stand der Stadtplaner gekommen, um dem Oberbürgermeister, „auf dessen Mist das ja wohl gewachsen ist“ die Meinung zu sagen. Doch Horst Schneider ist nirgendwo zu sehen.

Umbau des Marktplatzes

Die Marktplatzsperrung gehört zur breit angelegten Bürgerbeteiligung zum Umbau des Marktplatzes, in die auch IHK und Einzelhandel eingebunden sind und die im Herbst in einen Gestaltungswettbewerb münden soll. 3,67 Millionen Euro sind nach derzeitigem Stand der Dinge ab 2014 – über zwei bis drei Jahre gestreckt – im städtischen Haushalt für den Umbau vorgesehen, sagt Stadtplaner Joachim Bier-Kruse. Weil das Projekt in ein Förderprogramm des Landes aufgenommen wurde, sind theoretisch bis zu 75 Prozent der Kosten förderfähig. Die Stadt muss aber alles zunächst vorfinanzieren.

Noch ist das Zukunftsmusik. Bis zum Samstag gilt es, die bislang zur Umgestaltung entwickelten Gedanken auf ihre Praxistauglichkeit zu testen. 30 bis 50 Teilnehmer wurden bei den bisherigen Terminen zur Ideenfindung gezählt, sagt Projektkoordinatorin Astrid Tschann. Es könnten natürlich mehr sein räumt sie ein. Doch „je mehr wir anbieten, um so mehr sehen die Bürger, dass wir es ernst meinen mit der Beteiligung “, ist die Koordinatorin überzeugt.

„Gesichter des Markplatzes“

Gestern Vormittag ist die Resonanz auf die gerade aufgebauten Aktionsstände verständlicherweise noch verhalten. Der Info-Stand an der Ecke Berliner Straße/Marktplatz wartet ebenso auf Interessenten wie das von HfG-Absolventin Lena Grimm aufgebaute Fotostudio, in dem „Gesichter des Markplatzes“ festgehalten werden sollen. Die Lokale Agenda um Barbara Levi-Wach lädt an der Ecke Geleitsstraße zur „Tischgesellschaft“, Agenda-Mitglied und Designer Sylvester Kraatz präsentiert dort seine detaillierten Pläne für einen „Wartesalon“. Es handelt sich um einen überdachten und im Winter beheizten Bau mit angegliedertem Café und Toiletten auf dem Areal an der S-Bahn-Station, wo Fahrgäste auf den Bus warten können. Die noch nicht bezifferbaren Kosten könnten über die Vermietung des Cafés und Sponsoren gedeckt werden, meint Kraatz.

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Kein Verkehrschaos am Marktplatz erwartet

Wie der Marktplatz künftig aussehen wird, ist derzeit völlig offen. Dazu gehört etwa die Frage, ob es von der Fußgängerzone Frankfurter Straße bis hin zum Wilhelmsplatz ein einheitliches Straßenniveau geben wird oder ob die Zufahrt von der Berliner Straße dauerhaft dicht bleibt. Einigkeit, sagt Stadtplaner Bier-Kruse, besteht nur im „städtebaulichen Ziel“, den Platz zusammenrücken zu lassen und ihn vom Verkehr zu entlasten. Dass dabei die zwölf dort verkehrenden Buslinien herausgenommen werden, kann er sich nicht vorstellen.

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