Leser, Liberale und Handwerker lehnen Ideen ab

Marktplatz-Umbau: Der nächste Aufreger

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Der Marktplatz aus erhöhter Perspektive: Geht es nach dem Willen der Stadt, soll das auf dem Bild dokumentierte Rechtsabbiegen von der Waldstraße in die Bieberer Straße und somit zum Wilhelmsplatz künftig nicht mehr möglich sein.

Offenbach - Es klingt gut: Eine neue Aufenthaltsqualität schaffen, den Platzcharakter entdecken, das Profil als Treffpunkt schärfen. Dennoch gibt’s für den geplanten Marktplatz-Umbau Gegenwind – und bereits Vorschläge zur Verbesserung. Von Martin Kuhn

Allein der streitbare Sozialdemokrat Dr. Harry Neß äußert sich positiv. Er sieht die „überfällige Überwindung einer urbanen Untiefe“. Der geplante Umbau – das Parlaments-Votum vorausgesetzt – kostet 3,5 Millionen Euro. Ein Grund, nicht vorhandenes Geld in die Hand zu nehmen: In seiner heutigen Form werde der Marktplatz vor allem als Verkehrsschneise und Busterminal wahrgenommen. Zudem weise die Gestaltung (Bodenbeläge, Beleuchtung, Möblierung) „erhebliche Defizite“ auf. Oberbürgermeister Horst Schneider verteidigt sich daher: „Das Ganze dient dazu, Markt- und Wilhelmsplatz von denjenigen zu befreien, die dort kein Ziel haben.“ Dem widerspricht kaum einer; umso mehr der Idee, wie das erreicht werden soll.

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Gerade die komplette Kappung für den Verkehr aus Süden in Höhe des Schmülling-Hauses lehnen viele ab. So spricht Wilhelmsplatz-Anlieger Bruno Becker von einer kompletten Fehlplanung: „Man braucht kein Prophet, Verkehrsplaner und Meckerer zu sein, um vorherzusehen, dass sich am Wilhelmsplatz von nördlicher in südlicher Richtung künftig eine immense Staugefahr bilden wird.“ Wenn schon Sperrung, dann ganz, pflichtet er Peter Heßler bei, der eine Vollsperrung des Wilhelmsplatzes favorisiert. An den Umbauplänen erkennt auch Axel Goldbach nichts Gutes. Er sieht gar eine politisch gewollte Spaltung der Stadt: „Während alteingesessenen Bürger – etwa aus Tempelsee – um Schneiders Vorzeigeobjekt Wilhelmsplatz herumfahren müssen, darf dessen solvente Wunschklientel aus Hafen, Luisenhof und Bahnhofstraße auf dem ,Fast-Lane’ zum kulinarischen Herzen Offenbachs fahren.“ Und Ute Maier fasst es so: „Schade, dass dieser gerade so schön gestaltete Platz mit angrenzender Gastronomie so abgekapselt werden soll. Aber das merken die Verantwortlichen wie immer erst, wenn es zu spät ist.“

Es trifft nicht nur Gastronomen und Marktbeschicker sowie deren Kunden. Oliver Kanz, Chef der gleichnamigen Tischlerei mit Sitz an der Karlstraße, nimmt die geplante Verkehrsführung „mit Befremden“ zur Kenntnis. „Unsere Kunden sitzen überwiegend im Süden der Stadt. Dorthin zu fahren, ist einfach. Das Problem ist der Rückweg“, sagt er und schildert künftige Alternativen. Kanz beschränkt sich nicht aufs Schimpfen, sondern unterbreitet einen Vorschlag. „Wie wäre es denn, die Einbahnstraßen-Regelung an der Friedrichstraße zwischen Bleich- und Bieberer Straße umzudrehen?“

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Das könnte der Ausgangspunkt eines öffentlichen Diskurses sein, den sich Harry Neß erhofft. „Der ist etwas anderes als das untergehakte Schunkeln immer derselben, wenn es gegen die Umgestaltung der Innenstadt aus ihrer Mitte heraus, wenn es gegen den Oberbürgermeister Horst Schneider geht“, sagt der Sozialdemokrat, der den Magistrat lobt: Lange von den Offenbachern erwartet, werde ein Grundsatzbeschluss zum Umbau des Marktplatzes vorgelegt, „damit eine urbane Untiefe in der City verschwindet“. Jetzt könne eine sachliche Lösung gesucht werden, in der allein „die besten Argumente“ vor einer endgültigen Entscheidung zählen. Diese hat die FDP schon parat. Die städtischen Pläne zur Neuordnung des Innenstadtverkehrs schaffen nach Auffassung des FDP-Fraktionsvorsitzenden Oliver Stirböck ein „Labyrinth ohne neue städtebauliche Qualität“. Er geht noch weiter: Statt als „Stadt der kurzen Wege“ profilierten die Pläne Offenbach als „Stadt der Umwege“. Die Vorschläge des Oberbürgermeisters folgten erkennbar einem ideologischem Konzept, das Autos „nicht so sehr als Kofferraum für Einkäufe sieht, sondern als etwas, das verdrängt werden muss“.

Die Liberalen fürchten, die Sperrung der Waldstraße vor dem Marktplatz könne gerade Käufer aus dem Kreis abhalten. „Der Kunde ist ein scheues Reh und schätzt es nicht, wenn die Verkehrsführung auf den Kopf gestellt wird“, so Stirböck. Für einen von Autos, Fußgängern und Bussen genutzten Marktplatz lohne sich jedenfalls die Sperrung der Waldstraße nicht. „Es bringt zu wenig und kostet zu viel – die öffentliche Hand Geld und den Einzelhandel Kunden.“ Die FDP fordert statt des „Radikalkonzepts der Stadt“ preisgünstigere, punktuelle Maßnahmen, um die Trennwirkung zwischen Frankfurter und Bieberer Straße sowie Kleinem Biergrund zu mildern: „Breitere Bürgersteige an der Bieberer Straße oder eine Verkehrsberuhigung der Bleichstraße in Höhe des Wilhelmsplatzes könnten zudem ohne die ganz große Operation die Attraktivität der Umgebung steigern.“

Umfrage zum Marktplatzumbau in Offenbach (2012)

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