Umbau des Innenstadtgebiets

Marktplatzforum: Visionen brauchen ihre Zeit

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Weniger die Vorschläge zur Steigerung der Aufenthaltsqualität am Marktplatz bewegen bislang die Gemüter als vielmehr die Verkehrsführung. Im Planungsgebiet (gelb) dargestellt ist mit roten Pfeilen, wie der Autofahrer sich künftig fortbewegen darf. Entscheidend ist die Sperre an der Geleitsstraße, die ein Weiterfahren vom Marktplatz in die Waldstraße verhindert (außer für Busse). In umgekehrter Richtung müssen Kfz von der Wald- in die Bleichstraße abbiegen, um nach Norden zu gelangen.

Offenbach - Visionen ereilt häufig das Schicksal, als solche in die Geschichte einzugehen und eben nicht Wirklichkeit zu werden. Einst als Utopie abgetan wurde die Vorstellung einer autofreien Innenstadt. Von Fabian El Cheikh

Sie ist, auch wenn der überzeugende Gegenbeweis längst erbracht wurde (bestes Beispiel: Frankfurter Zeil), für viele Einzelhändler noch immer ein Tabu. Die Offenbacher Kaufleute in der östlichen Innenstadt sind deshalb auch die gewichtigsten Gegner der städtischen Planungen für einen neuen Marktplatz.

Das weiß auch ein Oberbürgermeister nur allzu gut, weshalb Horst Schneider und seine Stadtplaner bei ihren Vorstellungen vom künftigen Marktplatz von vornherein auf einen Kompromiss setzten: nur den Durchgangsverkehr zu verdrängen, die automobile Erreichbarkeit des Marktplatzes für Anwohner, Kunden und Besucher aber aufrecht zu erhalten.

Noch immer eine Schreckensvision

Doch selbst diese Lösung ist für den Sprecher der Einzelhändler rund um das Planungsgebiet (dazu Grafik) noch immer eine Schreckensvision: In einem leidenschaftlichen Plädoyer ging der Apotheker Hans R. Diefenbach beim Marktplatzforum am Mittwochabend in der Rudolf-Koch-Schule mit der Stadt hart ins Gericht. „Völlig inakzeptabel“ sei das Verkehrskonzept, das die jetzige Verbindung von der Waldstraße in die Bieberer Straße kappt, „kalter Sozialismus“ die aufgezwungene finanzielle Beteiligung eines in dieser Form nicht gewollten Vorhabens, „miserabel“ der zweijährige Umbau-Zeitraum.

Diefenbachs von starkem Applaus begleiteter Widerstand („Das akzeptieren wir so nicht, so einfach verdient keiner sein Geld in der Bieberer!“) muss der Oberbürgermeister, der den Auftritt des Opponenten vor 60 Teilnehmern höchst aufmerksam verfolgte, als Kampfansage werten. Gleichwohl gab sich der Rebell kompromissbereit. Die von dem Horrorszenario, die letzten Kunden könnten ins Umland abwandern, getriebenen Einzelhändler seien keine Verweigerer, sie wollten sich ja gern einbringen. Und so öffnete sich zu Beginn der mehr als dreistündigen Veranstaltung doch noch ein Weg zur Zusammenarbeit. Wohlwissend hatte der OB bereits zuvor darum gebeten, „bei allen Bedenken am Ende das Verbindende“ zu sehen.

Einig in der Kritik

Einig sind sich viele bislang vor allem in ihrer Kritik. Denn nicht nur bei den Gewerbetreibenden stößt das Verkehrskonzept auf Skepsis. Zu bedenken gab Oliver Kanz von der Tischlerei Kanz an der Karlstraße, dass Autofahrer künftig von Süden auf ihrem Weg ins Mathildenviertel „gezwungenermaßen“ über den Wilhelmsplatz fahren müssten. „Der ist doch eigentlich verkehrsberuhigt!“

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Erneut wurden Einwände laut gegen eine Erschließung des Wilhelmsplatzes von Osten, seien dann doch „Staus programmiert“. Eine Frage, die bei Schneider auf Unverständnis stieß, hätten die Planer doch nur lange geäußerte Forderungen berücksichtigt. Horst-Ingo Kupfer vom Referat Verkehrsplanung verwies auf die Nahverkehrsgesellschaft NiO: „Die wünscht sich eine Bus-Anbindung des Wilhelmsplatzes in beide Richtungen.“ Das ermögliche kürzere Warte- und Taktzeiten.

Dass es für Fußgänger und Radfahrer nicht noch enger werde in diesem Abschnitt, weil Busse (vollständig) und Kfz (teilweise) die Bieberer Straße in beide Richtungen befahren dürfen, das versicherte Sigrid Pietzsch vom Amt für Stadtplanung: „Es ist vorgesehen, dass auch die Bieberer verkehrsberuhigt wird.“ Über das „Wie“ – etwa wie am Marktplatz selbst in Form eines geteilten Raums („Shared Space“), wo der schwächste Verkehrsteilnehmer die größte Rücksicht erwarten kann – müssten sich andere den Kopf zerbrechen: „Die Straßenraumaufteilung erarbeiten die Teilnehmer des Gestaltungswettbewerbs. Wir setzen mit den Bürgern nur die Leitlinien und warten gespannt auf die Entwürfe.“ Die größte Herausforderung dabei: Raum für die Lieferanten zu lassen.

„Angst vor Veränderungen“

Generell nehme sie Kritik am Verkehrskonzept sehr ernst. „Dass es Angst vor Veränderungen gibt, ist normal.“ Trotz aller Maßnahmen zur Bürgerbeteiligung sei es nicht überraschend, dass kurz vor Schluss noch mehr Menschen reagierten: „Weil sie erkennen, dass die konkreten Veränderungen auch sie betreffen.“ Und Pietzsch versprach: „Wir werden mit allen Beteiligten dafür Sorge tragen, dass die Belastungen für Einzelhändler und Kunden während des Umbaus möglichst gering bleiben.“

Das letzte Wort beim Verkehr sei ohnehin noch nicht gesprochen, versuchte auch die SPD-Stadtverordnete Ulla Peppler die Gemüter zu besänftigen. So sei etwa die Umkehr der Einbahnrichtung an der Bleichstraße durchaus eine Überlegung wert. „Wir müssen den Wettbewerb abwarten“, sagt sie. Visionen bräuchten eben Zeit, um wahr zu werden. Bis einschließlich November können sich Bürger noch mit Kommentaren einbringen (www.offenbach.de/marktplatz-forum), anschließend wird der Realisierungswettbewerb ausgeschrieben. Auf dessen Grundlage soll 2014 die Entwurfsplanung sowie der Stadtverordnetenbeschluss folgen, ehe 2016 der Umbau beginnen kann.

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