Gedicht aus Glas und Beton

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Die Markuskirche war die erste nach dem Zweiten Weltkrieg in Offenbach neu erbaute evangelische Großkirche. Sie fasst 550 Besucher.

Offenbach ‐ Es war ein strahlender Palmsonntag am 26. März 1961, als ein größerer Festzug die (Obere) Grenzstraße hinaufzog, um den Neubau der Markuskirche einzuweihen. Von Reinhold Gries

Der Weg vom 31 Jahre zuvor errichteten Markus-Kapellchen, dessen Holz-Kirchenschiff einst für Flensburger Viehmärkte diente, von der Industriebahn den Hügel hoch war nicht sehr weit. Pfarrer Günter Nestmann hatte für die Feierstunde das Prophetenwort „Ihr sollt in Freuden ausziehen und in Frieden geleitet werden“ gewählt. Dazu erklangen vom freistehenden neuen Glockenturm Posaunen-Choräle und zum letzten Mal die alte Kapellen-Glocke, die im 36 Meter hohen Campanile neben fünf neu gegossenen Glocken aus dem Dill-Kreis Platz fand.

Viele Honoratioren der Kirche und der Stadt wohnten dem Großereignis bei, setzte doch die erste nach dem Zweiten Weltkrieg in Offenbach neu erbaute evangelische Großkirche für 550 Besucher städtebauliche Akzente am Bieberer Berg. Auch mit ihrem gut proportionierten Kubus, einer Synthese aus alter Hallenkirche und innovativen Bauhausideen.

„Friede sei in diesem Haus“

Dessen Baumeister Fritz Reichard (1920-2008) wohnte nur wenige Meter entfernt im neuen Haus am Lichtenplattenweg. Bei der Schlüsselübergabe vor dem Kupferportal, nach dem Markus-Evangelium entworfen und gefertigt von den Offenbacher Brüdern Heinz und Willy Klemisch, rief Reichard gerührt aus: „Viele haben gebaut, doch es gibt nur einen Baumeister, das ist Jesus Christus“. Im Innenraum sang dazu der Kinderchor „Alles, was Odem hat, lobe den Herrn. Halleluja“, während viele Gemeindemitglieder gar keinen Einlass mehr fanden, als Dekan Friedrich Eckert die Eingangsliturgie hielt. Nach Wechselgesängen, Gebeten und Chorälen weihte Propst zur Nieden, früher selbst an der alten Markuskirche tätig, den wegweisenden Kirchenbau mit den Schlussworten „Friede sei in diesem Haus“ ein. Dann rief er die fünf neuen Glocken einzeln auf: die Taufglocke in es, die Trauglocke in f, die Gebetsglocke „Dona nobis pacem“ in as, die Lob- und Dankglocke in b und die Sterbeglocke in c.

Die Zeiten haben sich geändert, wenn man am 26. März 2011 den 50. Geburtstag der Markuskirche um 14 Uhr mit einem Festgottesdienst feiert. Die Honoratioren sprechen dann wohl nicht mehr ganz so feierlich, die Kirche aber ist hoffentlich genauso vollbesetzt wie an kirchlichen Festtagen und bei großen Konzerten.

Gemeinde- und Theatersaal auch bald fertig

Letztere haben in der Markuskirche, die auch Kultur- und Kommunikationsraum sein will, längere Tradition. Unvergessen bleibt dabei der nun schon 70-jährige Hans-Wolfram Hooge vom Markusplatz, der wie Nachfolgerin Claudia Regel an der 1962 vom Komponisten Helmut Bornefeld disponierten und von der Giengener Firma Link realisierten Meisterorgel Berauschendes zu bieten hatte. Nach aufwändiger Überarbeitung klingt die größte evangelische Konzertorgel Hessens auf der fast geschwungenen Empore noch schöner und obertonreicher.

Auch der in die Jahre gekommene Gemeinde- und Theatersaal unter dem Kirchenschiff soll bis zum Jubiläum fertig renoviert sein, dessen Heizkreis ist dann von dem des Kirchenschiffs getrennt. Der renovierungsbedürftige Campanile mit den goldenen Zifferblättern, dessen Glockenakkorde weithin hörbar sind, harrt einiger Spenden, um dem Markus-Löwen mit den goldenen Schwingen gegenüber Paroli bieten zu können.

Wahrzeichen des Offenbacher Südens

Die Bildhauer-Brüder Willy und Heinz Klemisch haben dieses Wahrzeichen des Offenbacher Südens ebenso entworfen und als Mosaik realisiert wie anderes im Kirchenraum: das fünf Meter hohe Mahagonikreuz mit kupfernen Dornen und Kronen, die Entwürfe zu den tausenden gold-braun changierenden, italienischen Mosaiksteinchen auf Altarwand und Decke, die kupfernen Kandelaber des Altartischs und den Kupferdeckel des Marmor-Taufsteins. Und nicht zuletzt zwölf formvollendete Hängeleuchten für den 28 Meter hohen Kirchenraum mit der besonderen Akustik.

Darin sorgt die beliebte und engagierte Pfarrerin Ursula Trippel für Leben und Kreativität, auch wenn sie im Regenbogenkreis vor dem Altar munteren Kirchenmäusen in einprägsamer Sprache und Gestik Glaubensinhalte nahe-bringt. Zu den monatlichen Kindergottesdiensten ist der Altarraum sogar am Donnerstagnachmittag dicht besetzt. Für mystische Stimmung und glänzende Kinderaugen sorgt dabei nicht nur das hinterleuchtete Kreuz. 3 200 in Antikglas funkelnde Fensteröffnungen tauchen das Kirchenschiff in weißes, blaues, rotes und violettes Licht.

„Ich wollte mit Glas und Beton dichten“, sagte dazu Reichard einmal. Das ist ihm mit den beiden Klemischs gelungen.

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