Schutt, Dreck und Müll

So marode ist der Bieberer Bahnhof

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Schützenswert ist für Dominik Mangelmann und Rainer Rist vom Denkmalbeirat der Bahnhof Bieber. Im Werk „Eisenbahn in Hessen“ ist er als Kulturdenkmal verzeichnet. Das Gebäude verfällt zusehends, weil zwischen Eigentümer und Stadt Diskrepanzen herrschen. Der Innenzustand ist gravierend (rechts).

Offenbach - Überall Schutt, Dreck, Müll. Die Wände sind feucht, die Tapeten lösen sich in Fetzen ab. Die obere Geschossdecke ist an vielen Stellen durchbrochen. Das Dachgebälk gibt nach, herabhängende Balken vergrößern die klaffenden Löcher immer mehr. Von Veronika Szeherova

Und dieser modrige Geruch. „Da sollten Sie besser nicht hingehen, der Boden hat schon etwas nachgegeben“, warnt Marcus Müller und deutet auf die leichte Schräge. „Das war letztes Mal noch nicht so. “ Knapp zwei Jahre ist es her, seit der Besitzer das verlassene Haus zuletzt betreten hat. Ein vergessener Ort, den aber täglich Hunderte Menschen passieren: der Bieberer Bahnhof.

Seit Jahren gammelt das 1895 erbaute Gebäude vor sich hin. Und das, obwohl die Erleichterung bei Anwohnern und Stadt groß war, als der Investor es Anfang 2009 kaufte. Müller, Inhaber einer IT-Firma, wollte das Haus sanieren, die oberen Etagen als Firmensitz nutzen und das Erdgeschoss zum Gastronomiestandort umwidmen. Doch diese Pläne sind für ihn endgültig passé. „Für mich ist das Ding gestorben“, sagt er.

So marode ist der Bieberer Bahnhof

So marode ist der Bieberer Bahnhof

Dass er heute so rigoros ist, hat eine lange und komplexe Vorgeschichte. Eine Geschichte, die von den Mühlen der Verwaltung und Irritationen handelt. Dass das Gebäude denkmalgeschützt ist, darüber wurde Müller, versichert er, beim Kauf nicht informiert. Obwohl er sich im Vorfeld erkundigt und mehrfach mit Stadt und Denkmalschützern kommuniziert habe, die dies verneinten.

Der Denkmalbeirat hatte sogar 2008 einen Antrag ans Landesamt für Denkmalpflege in Wiesbaden gestellt, der am 15. Juli 2008 abgelehnt wurde mit der Begründung, dass „die Denkmalqualität nicht so hoch eingeschätzt [wird], dass daraus eine Unterschutzstellung nach dem Hessischen Denkmalschutzgesetz in Frage kommen kann“. Ein Auszug aus dem städtischen Liegenschaftskataster vom 16. Januar 2009 besagte: „Auf den Grundstücken sind keine ,besonderen Vermerke‘ bezüglich Denkmalschutz eingetragen.“

Mit der Stadt ausführliche Gespräche geführt

Der Informatiker habe damals mit der Stadt ausführliche Gespräche geführt. „Wir waren so weit, dass wir sogar schon die Anordnung der Grünstreifen auf dem Parkplatz geplant haben“, so Müller. Dann kam ein Brief aus Wiesbaden, datiert auf den 4. März 2009: „Im Falle des Bahnhofs Offenbach Bieber ist es zu Irritationen gekommen, da dieses Objekt durch einen redaktionellen Fehler nicht in die Denkmaltopographie der Stadt Offenbach aufgenommen wurde.“ Verbindlich sei das 2005 erschienenen Werk „Eisenbahn in Hessen“, wo der Bieberer Bahnhof mit dem ausschlaggebenden „geflügelten Rad-Symbol“ markiert ist – und somit ein Kulturdenkmal. Nach dementsprechenden Vorlagen bedarf er des Erhalts und des Schutzes. Eine Sanierung ist nur nach Kriterien des Denkmalschutzes möglich.

Müller ist sauer, gründet die „Gesellschaft für Offenbacher Irritationen“ (Gefoi): „Die Stadt hat auf einmal die Spielregeln geändert. Was da passiert ist, hat einen Beigeschmack. Meine Planungssicherheit ist bei null.“ Bis heute warte er auf Dokumente von der Stadt, wie Veränderungen im Liegenschaftskataster, Unterlagen über die Unterdenkmalschutzstellung oder Auszug aus dem Denkmalbuch.

Streit um Sanierung des Bieberer Bahnhofs

Streit um Sanierung des Bieberer Bahnhofs

Helmut Reinhardt, Leiter der Offenbacher Bauaufsicht, sieht es anders: „Wir haben den Investor vor dem Kauf über den Eintrag in der Eisenbahntopographie informiert. Es stimmt, dass das Objekt nicht im zwei Jahre später erschienenen Denkmalbuch für die Stadt Offenbach auftaucht, und auf diesem Fehler reitet er permanent herum.“ Die Kommunikation sei schwierig. „Von uns hat er alle Unterlagen bekommen, die den Denkmalstatus belegen.“ Wenigstens leiste der Eigentümer die notwendigsten Absicherungsmaßnahmen. „Deshalb sehen wir keinen akuten Handlungsbedarf“, so Reinhardt.

Den sieht auch Müller nicht. „Wenn sich kein Mieter findet, der die Sanierungskosten übernimmt, warte ich, bis das Ding runterkommt und Bauland ist.“ Der in Bieber aufgewachsene Investor betrachtet es nunmehr als Wertanlage. „Es tut mir leid für das Gebäude, aber ich finanziere nicht die Fehler der Stadt. Wie sie sich verhält, ist für mich wie ein wissenschaftliches Experiment.“

Für Dominik Mangelmann und Rainer Rist vom Denkmalbeirat ist der Bieberer Bahnhof ganz klar schützenswert: „Er ist der einzige dieses Bautyps, den es in Offenbach noch gibt.“ Sie verweisen auf Fördermittel und steuerliche Vorteile, die für denkmalgeschützte Gebäude bestehen. Müller macht ein Angebot: „Ich biete dem Beirat gern einen Erbpachtvertrag zu den ortsüblichen Bedingungen an.“

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