Marode Schienen-Schlagader

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Noch hält sie, die Wilhelmstraßenbrücke. Doch ein Neubau ist bei der Bahn fest eingeplant. Das Millionenprojekt soll voraussichtlich 2012 in Angriff genommen werden. Schienen- und Autoverkehr würden dadurch nur mäßig behindert, heißt es.

Offenbach ‐ Von „Operationen am offenen Herzen“ ist in Offenbach oft die Rede. Beim Neubau des Klinikums beispielsweise. Oder beim Umbau des Wilhelmsplatzes, wo die Anwohner des Vorzeigekarrees dagegen protestieren, dass ihren Konten angesichts der städtisch verordneten Kostenbeteiligung der Exitus drohe. Von Marcus Reinsch

Der nächste städtebaulich elementare Eingriff hingegen dürfte nicht in den Verdacht geraten, überflüssige Kosmetik zu sein: Mit altersschwachen Brücken wie der Bahnüberführung Wilhelmstraße ist nicht zu spaßen. Weshalb ihre Sanierung für 2012 vorgesehen ist. Wobei die „Erneuerung der Eisenbahnüberführung“ eher ein Neubau sein wird, wie ein Bahnsprecher auf Anfrage bestätigt. „Mit Schönheitsreparaturen ist da nichts mehr zu machen. Das ist wie mit einem zwölf Jahre alten Auto.“

Die Wilhelmstraßenbrücke ist selbstverständlich viel massiver als jede Karosse, aber auch viel älter. Eine TÜV-Plakette, heißt es seitens der Bahn, würde sie aber noch bekommen; sie sei standsicher und auch sogenannte „Langsamkeitsfahrstellen“, die Züge zwecks Schonung der Brückensubstanz zum Bummeln zwingen, müssten dort nicht eingerichtet werden. Aber weil die Planung einer neuen Überführung viel Zeit in Anspruch nehme und der Bau ab dem übernächsten Jahr nochmal rund zwei Jahre, „machen wir das rechtzeitig“.

Strecke Frankfurt-Fulda eine der wichtigesten Schlagadern

Eine Sperrung wäre indes undenkbar. Im Rhein-Main-Gebiet sind die Schienenverkehrsadern zwar ähnlich dicht verzweigt wie das Straßennetz. Doch die Strecke Frankfurt-Fulda, zu der die Wilhelmstraßenbrücke gehört, ist eine der wichtigsten Schlagadern. Der Betrieb muss weitergehen.

Auf den Gleisen fahren im Regional- und Fernverkehr Inter-Citys, die flotteren ICE, Güterzüge und, als Stoßzeiten-Verbindung zwischen Dietzenbach und Offenbach-Hauptbahnhof, auch S-Bahnen der Linie S2. Drei Gleise auf dem Bahnkörper, erklärt der Bahnsprecher, seien intakt. Das südlichste, vierte, sei schon länger ausrangiert und werde später gleich weggelassen, weshalb die neue Brücke etwas schmaler ausfallen könne als die heutige.

Wilhelmsstraße wichtigste Verkehrsachse aus der östlichen Innenstadt

Platz ist ohnehin ein knappes Gut. Oben auf dem Bogen ebenso wie untendrunter. Weil die Wilhelmstraße als wichtige Verkehrsachse aus der östlichen Innenstadt gilt, sollen sich die Auswirkungen des Millionenprojektes auf den Autoverkehr in Grenzen halten. Sperrungen, so die Bahn, seien zwar nicht ganz vermeidbar, könnten aber auf ein verträgliches Maß reduzieren werden. Beispielsweise, wenn über das eine oder andere Wochenende eine Behelfsbrücke eingezogen werden muss. Bei Brücken dieser Bedeutung ist üblicherweise ein bauplanerischer Längsschnitt fällig - erst wird eine Hälfte fertig und übernimmt den Verkehr, dann ist die zweite Hälfte an der Reihe.

Zwecks Entlastung des Offenbacher Abschnitts könnten sowohl Inter-City-Züge wie auch der Güterverkehr auf die nordmainische Strecke über Hanau und Frankfurt-Ost ausweichen.

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