Prozess um Schrottimmobilien

Marode Wohnungen verkauft

Offenbach/Darmstadt - Der Kauf einer sogenannten Schrottimmobilie hat schon viele Existenzen finanziell ruiniert und beschäftigt in regelmäßigen Abständen die Justiz. Von Silke Gelhausen-Schüßler 

Der für die Betrüger lukrative Handel mit maroden und überteuerten Wohneinheiten beschäftigt aktuell auch das Landgericht Darmstadt. Zwei ungewöhnlich gegensätzliche Angeklagte stehen diesmal vor der neunten Strafkammer: Jahn L. (Name von der Redaktion geändert), 68-jähriger Notar mit Offenbacher Kanzlei, nicht vorbestraft, dafür mit glänzenden Referenzen. Und Alfred F., 56-jähriger Langzeitarbeitsloser aus Frankfurt, ohne Berufsausbildung, vorbestraft wegen Körperverletzung. Die beiden Männer sollen beim Handel mit insgesamt elf Wiesbadener Eigentumswohnungen zu völlig überhöhten Preisen mitgewirkt haben, die Fälle liegen bereits mehr als fünf Jahre zurück und sind Ableger eines größeren Verfahrens, das über die Generalstaatsanwaltschaft in Frankfurt abgewickelt wurde.

Die Masche war dabei stets die Gleiche. F. kauft eine Wohnung zu einem realistischen Marktwert bei einer Wiesbadener Immobilienfirma und verkauft diese - oft nur wenige Stunden später - an eine geschäftlich unerfahrene und finanziell eher schlecht situierte Person zu einem völlig überhöhten Preis. Meist noch am selben Tag wird der Kaufvertrag vom mitangeklagten Notar beurkundet. Der Hintergrund: Man will auf diese Weise an die hohe Darlehenssumme der die Immobilie finanzierenden Bank kommen, die auf das Treuhandkonto des Notars ausgezahlt wird. Von dort aus wird die ausstehende geringe Summe an die Immobilienfirma überwiesen, der Rest unter den beteiligten Betrügern aufgeteilt. Dieses Modell hat allerdings nicht immer funktioniert: In fünf Fällen haben die Banken schon bei Überprüfung der Unterlagen Unstimmigkeiten entdeckt oder später den Kredit rückabgewickelt - um an die begehrten Darlehen für die mittellosen Käufer zu kommen, wurden nämlich kurzerhand Selbstauskunft, Gehaltsabrechnungen, Immobilien-Exposes und Fotos gefälscht. Spätestens beim Ausbleiben der monatlichen Rückzahlungsraten wurden die Banken auf den Schwindel aufmerksam. Verschiedener Filialen der SEB, GLS und Volksbank entstand so ein Gesamtschaden von über 600.000 Euro.

Das bedeuten Immobilien-Codes

"Unverbaute Lage" und "gut erhalten": Das bedeuten Immobilien-Codes

Während der Notar bislang vor Gericht nur seinen Lebenslauf preisgibt und zu den Vorwürfen schweigt, bestätigt Alfred F. die Anklageschrift in vollem Umfang: „Eines Tages stand Frau H. vor meiner Tür und lud mich zum Kaffee ein. Ich war damals solo, sie war hübsch und bezahlt hat sie auch. Warum soll ich da Nein sagen? Sie versprach mir einen Job als Verkäufer von Immobilien.“ „Frau H.“ wurde 2012 zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt, sie gab im damaligen Prozess an, F. sei gewählt worden, weil er leicht manipulierbar gewesen sei. Gelohnt hat sich die Aktion für F. wohl nicht: für den Hartz-IV-Empfänger fielen vom großen Kuchen laut eigener Angaben nur ein paar Krümel ab. Der Prozess wird forgesetzt.

Rubriklistenbild: © dpa

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