Demo gegen Fluglärm: Marsch mit Magistrat

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Die Spitze der Politik protestiert mit: Offenbachs Magistrat verstärkt eine Montagsdemo, der OB fehlt nur auf dem Foto.

Offenbach - Oberbürgermeister Horst Schneider (SPD) hat sich ein Plakat gegriffen, Bürgermeister Peter Schneider (Grüne) ebenfalls. Von Harald H. Richter

Mit den Magistratskollegen Felix Schwenke und Stephan Färber (beide SPD), Wilfried Jungbluth (Grüne) und Ferdi Walther (FDP) mischen sie sich unter die Protestler.

Bei der jüngsten städtischen Info-Veranstaltung über den Sachstand der Flughafenprozesse war beklagt worden, dass sich Offenbachs Stadtregierung nicht bei den Montagsdemos blicken lasse. Diesmal ist sie fast vollständig dabei. Nur Günther Hammann (CDU) und Marianne Herrmann (SPD) haben sich mit Urlaub entschuldigt.

Verringerung der Fluglärmbelastung

Unter den wie immer zahlreichen Offenbachern ohne Amt ist die nimmermüde Ingrid Wagner von der Bürgerinitiative Luftverkehr. Sie wird gleich in der Abflughalle zum Mikrofon greifen. Brigitte Nötzel schwenkt ein Fähnchen mit der Forderung nach Verringerung der Fluglärmbelastung. Auf anderen Plakaten werden Stilllegung der Nordwestbahn und Ausweitung des Nachtflugverbots auf 22 bis 6 Uhr verlangt. Die Wahlen im Herbst, heißt es, sollen auch zur Abstimmung über die Verkehrspolitik der Zukunft werden.

1300 Protestierer mögen es an diesem Abend sein, die ihre Argumente auf großformatigen Schriftbändern vorbringen und ihr plakatives Aufbegehren mittels Trommelschlag und Kuhglockengeläut akustisch unterstützen. Jossy Oswald vom BI-Bündnis der Flughafengegner macht wie immer klar: „Trillerpfeifen, Vuvuzelas und andere Luftdrucktröten sind nicht erlaubt.“ Dem folgt ein ein vielstimmiger Chor: „Deckel zu, dann ist Ruh‘!“; „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Ruhe klaut.“

Ohrstöpsel in den Gehörmuscheln

Fürsorgliche Mütter stopfen ihren Sprösslingen Ohrstöpsel in die Gehörmuscheln. Informationen kommen von Dr. Berthold Fuld aus Bad Homburg, Vizepräsident der Bundesvereinigung gegen Fluglärm und für diese in der Fluglärmkommission. Die beschäftigte jüngst eine Änderung des Startverfahrens, mit der die Lufthansa Kerosin sparen will, die aber die Belastung für die Bevölkerung verstärkt.

Fuld empört sich: „Dass anders als in vielen anderen Industrieländern nicht das Steilstartverfahren vorgeschrieben ist, passt in ein Bild, bei dem den Grundrechten betroffener Bürger in Deutschland ein geringerer Stellenwert beigemessen wird als den Gewinninteressen großer Konzerne.“ Schuld sei der Bund, aber auch die Landesregierung tue nichts, „dass dieses Getöse am Himmel vermieden und ordnungswidrige Lärmerzeugung konsequent verfolgt wird“. Maßnahmenpakete seien völlig unzureichend. Nicht die Minimierung des Krachs sei das Ziel, das Land wolle der Lufthansa maximalen Gewinn ermöglichen.

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Da passe es ins Konzept, dass die Flughafenbetreiberin ihre neue Broschüre „Fluglärm reduzieren“ unters Volk und den Menschen Sand in die Augen streue, ergänzt Ingrid Wagner. Geschönte Daten und Statistiken sollen den Blick vernebeln.

Wer aber vom Lärm direkt betroffen sei, wisse, dass sich in den 20 Monaten seit Eröffnung der Nordwestlandebahn nicht das Geringste geändert habe, ruft die Offenbacherin der Menge zu: „Seit Anfang Juni kann man in Frankfurt, Offenbach und Umgebung feststellen, wie sehr sich auch die Lage bei Ostbetrieb schmerzlich verschlechtert hat.“ Nicht nur die Gruppe der um den Offenbacher Magistrat versammelten Protestierer nickt beifällig.

„Dröhnend niedrig über Goetheruh und Offenbach“

„Die Lufthansa fliegt mit stolz erkennbarem Zeichen dröhnend niedrig über Goetheruh und Offenbacher City“, schimpft Ingrid Wagner. In der Hochglanzbroschüre freilich sei über ein täglich 18-stündiges Traktieren der Menschen mit Lärm nichts zu lesen.

Mela und Alexandra aus Niederrad, Hassan aus Flörsheim und Manfred aus Rüsselsheim führen den Tross der Demonstranten auf festgelegter Route durchs Terminal – die Schar unüberhörbar hupend und trommelnd. Zurück am Ausgangspunkt in der Halle werden letzte Hinweise auf bevorstehende Veranstaltungen bekannt gegeben. Noch einmal erheben die 1300 ihre Stimmen, skandieren ihren Schlachtruf „Die Bahn muss weg“, bevor sich alle in sämtliche Himmelsrichtungen zerstreuen – nach Mainz-Laubenheim und Bad Soden, Ginsheim-Gustavsburg und Nauheim, Hanau und Offenbach und in viele weitere Orte. Doch am nächsten Montag, 18 Uhr, sehen die meisten einander an gleicher Stelle wieder. Vermutlich indes ohne einen kräftig vertretenen Magistrat.

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