Ausgeklügeltes System aus Scheinfirmen

Maserati statt gerechte Löhne

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Falsche Pässe, Waffen und Luxusautos: Eine Schleuserbande hat hunderte Arbeiter auf Baustellen, auch in Offenbach, illegal beschäftigt, Steuern hinterzogen und im Protz gelebt. Eine Baustelle am Schlachthofgelände im Offenbacher Süden war Ziel eines Großeinsatzes von Zoll und Sondereinsatzkommando der Polizei. Zwischen 30 und 40 Personen sollen hier illegal beschäftigt worden sein. Bundesweit wurden gestern Wohnungen und Büros einer Schleuserbande durchsucht. Ein Einsatz, der sich lohnte.

Offenbach - Auf Nachbarn wirkte es wie eine Routinekontrolle, erst die weiteren Recherchen offenbarten die Dimension des Einsatzes, der gestern bundesweit 650 Zollbeamte sowie das Sondereinsatzkommando der Polizei (SEK) beschäftigte. Von Fabian El Cheikh 

Allein 15 Zollbeamte nahmen eine Baustelle am alten Schlachthofgelände im Offenbacher Süden unter die Lupe – ein einstiges Industrieareal, das sich in den vergangenen zwanzig Jahren zum attraktiven Stadtviertel gewandelt hat. Dort entsteht zur Zeit ein neues Mehrfamilienhaus, in das schon bald die ersten Bewohner einziehen wollen.

Was sie bislang nicht wissen konnten: Der Rohbau ihrer noch nicht fertiggestellten Wohnungen wurde zum Teil von Schwarzarbeitern errichtet. Das ermittelte die Frankfurter Staatsanwaltschaft und rief die Zollbehörden bundesweit auf den Plan. Gestern kam es zum Großeinsatz im Rhein-Main-Gebiet und in Berlin. Vom frühen Morgen an durchsuchten sie rund 55 Wohnungen und Büros in Berlin und im Rhein-Main-Gebiet – unter anderem in Offenbach – sowie die Baustelle am Schlachthof. Zehn Tatverdächtige wurden festgenommen, berichtet der Sprecher des Sonderkommandos „Hades“, das am Hauptzollamt Gießen angesiedelt ist. Gegen vier von ihnen lagen Haftbefehle vor, sie sollten noch am Dienstag einem Richter vorgeführt werden. Es handelt sich bei ihnen um drei Serben im Alter von 34, 42 und 43 Jahren sowie einen 46-jährigen Deutschen palästinensischer Herkunft. Die anderen sechs hatten bei der Festnahme falsche Papiere bei sich.

Mehrere hundert Menschen illegal beschäftigt

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Details nannte Sprecher Heinz Michael Horst auf Anfrage unserer Zeitung: „Es handelt sich um eine Gruppe, die mindestens seit 2011 bundesweit mehrere hundert Menschen illegal zu ungünstigen Arbeitsbedingungen auf Baustellen beschäftigte.“ Die Schwarzarbeiter sollen überwiegend aus den Staaten des ehemaligen Jugoslawiens sowie aus Rumänien und Bulgarien stammen und mit falschen Pässen in die Bundesrepublik eingeschleust worden sein. Hier sollen sie auf den Baustellen großer Unternehmen im Rhein-Main-Gebiet und im Großraum Berlin gearbeitet haben oder nur unzureichend bei der Sozialversicherung angemeldet worden sein. Die illegalen Gewinne brachten die Schleuser mit Hilfe eines Geflechts aus Schein- und Servicefirmen und Bargeldtransfers ins Ausland. Steuern wurden keine gezahlt. Der daraus entstandene Gesamtschaden wird derzeit auf eine Höhe von etwa zwölf Millionen Euro geschätzt.

Allein auf der Offenbacher Baustelle sollen gestern 30 bis 40 Bauarbeiter kontrolliert worden sein, 15 Zollbeamte waren dort im Einsatz. Insgesamt waren mehr als 650 Einsatzkräfte aus allen Winkeln der Republik bei der Aktion dabei. Sie stellten etwa 1,4 Millionen Euro in bar und andere Gegenstände im Wert von insgesamt rund 9,6 Millionen Euro sicher. „In einer Berliner Tiefgarage wurden die Fahrzeuge aufgefunden und beschlagnahmt, darunter befand sich ein Maserati“, berichtet Horst, „außerdem haben wir hunderte Ordner, PCs und Datenträger sichergestellt.“

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Auch fünf Schusswaffen und scharfe Munition fanden die Ermittler. „Bei den seit 2011 laufenden Ermittlungen haben sich die Täter als gewaltbereit herausgestellt“, so Horst, „weshalb sie Beamte des Sondereinsatzkommandos der Polizei verhafteten“. Beinahe wäre es auch zu einer Schießerei gekommen, fügt der Sprecher hinzu, nachdem einer der später Verhafteten zunächst geflüchtet und sich mit der Waffe im Anschlag den Beamten entgegengestellt habe. „Nur, weil er das Patronenmagazin in der Eile vergessen hatte, konnte er keinen Schuss abgeben.“

Auf die „hochkonspirative Bande“ aufmerksam geworden war der Zoll nach eigenen Angaben bei einer Routinekontrolle auf einer Baustelle. Dabei fiel einem Beamten ein gefälschter Reisepass auf. Im Auftrag der Staatsanwaltschaft Frankfurt wurde daraufhin beim Hauptzollamt Gießen die Sonderkommission „Hades“ eingerichtet, um den Verdacht umfassend aufzuklären. Die Ermittlungen zeigten schließlich, dass dahinter ein „ausgeklügeltes System von Schwarzarbeit und ein komplexes Firmengeflecht“ stand.

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