Leiterin Inez Florschütz: „Es wird immer nur geflickt“

Deutsches Ledermuseum kämpft mit massiven Geldproblemen

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„Es kann nicht sein, dass das Museum nicht mal auf seine Betriebskosten kommt.“ Leiterin Inez Florschütz hat wegen knapper Finanzen die Nutzung des Veranstaltungssaals eingeschränkt. Bei Offenbacher Vereinen kam das nicht gut an.

Offenbach - Seit gut drei Jahren leitet Inez Florschütz das Deutsche Ledermuseum in Offenbach. Ihr ambitionierter Kurs, das Haus mit seiner einzigartigen Sammlung überregional noch sichtbarer zu machen, kollidierte zuletzt mit dem Anspruch der Stadt, es auch für lokale Kulturveranstaltungen zu nutzen. Von Lisa Berins und Matthias Dahmer

Im Interview mit unserer Zeitung spricht Florschütz über Befindlichkeiten, Perspektiven und chronischen Geldmangel.

Ist Ihr Museum künftig als Veranstaltungsort für die Offenbacher Vereine und Kulturinitiativen tabu?

Das kann man generell nicht sagen. Es geht in erster Linie darum, dass wir als Museum einen Auftrag haben. Wir haben eine hochkarätige Sammlung, die über 30.000 Objekte hat, wir haben ein Haus mit 4000 Quadratmetern. Dieses Haus hat einen enormen Sanierungsbedarf, und die Präsentation der Sammlung ist veraltet. Aufgrund der knappen Personal- und Finanzsituation müssen wir uns auf unser Kerngeschäft konzentrieren. Dass der Saal, in dem die Veranstaltungen stattfanden, in den Fokus gerückt ist, mag daran liegen, dass es in der Vergangenheit anders gehandhabt wurde. Aber man lernt ja immer dazu im Leben. Ich habe durch diese Diskussion gelernt, dass es Teile der Offenbacher Bevölkerung gibt, die sagen: Ledermuseum ist gleich Saal. Nur: Der Saal ist nicht das Zentrum des Museums.

Können Sie das näher erläutern?

Wir sind ein Ausstellungs-, Wissenschafts- und Sammlungsort und haben sehr knappe Personal- und Finanzressourcen. Da kann es nicht sein, dass Vereine diesen Saal nutzen und das Ledermuseum noch nicht mal auf seine Betriebskosten kommt. Die Bespielung des Saals ist wünschenswert, darf aber nicht zu Lasten unserer Hauptaufgabe – dem Museumsgeschäft – gehen. Wir haben bereits in den vergangenen zwei Jahren mit Ausstellungen auf die herausragende Sammlung des Deutschen Ledermuseums aufmerksam gemacht und planen in Zukunft durch den Ausbau des Vermittlungsprogramms insbesondere für Kinder und Jugendliche vermehrte Aktivitäten im Haus.

Das heißt also, es ist vor allem eine finanzielle Frage. Wenn die Stadt die Kosten übernähme, wären künftig weiter lokale Aufführungen möglich?

Das muss man sich von Fall zu Fall anschauen. Mein Auftrag ist, dieses Museum zu sanieren. Ähnlich bin ich beim Museumsladen vorgegangen. Wir haben keinen mehr, weil es zwar schön ist, eine solche Einrichtung zu haben, wir aber letztlich nicht über das nötige Personal verfügen, sie zu führen.

Zum Finanziellen: Ist ihr Budget zu gering?

Ja.

Können Sie Zahlen nennen?

Vielleicht darf ich erst mal ausholen: Das Ledermuseum ist eine Anstalt des Öffentlichen Rechts. Wir sind weder städtisch noch gehören wir zum Land. Meine direkte Aufsichtsbehörde ist das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst. Es gibt einen Senat, der dem Ledermuseum übergeordnet und ein demokratisches Gremium ist. Entscheidungen fallen per Mehrheitsbeschluss. Ich habe dort kein Stimm-, aber Rederecht und stelle die Pläne und den Haushalt vor. Und der Senat hat mit mir jemanden bewusst von außen geholt, der langjährige Museumserfahrung hat und dessen Auftrag es ist, eine Neukonzeption zu erarbeiten.

Wie sieht es mit dem Budget aus?

Hauptzuschussgeber ist die Stadt. Die Zahl 537.000 Euro pro Jahr wurde bereits kommuniziert. Manche werden sagen: Wow, ist das aber viel. Mit dem städtischen Zuschuss habe ich aber noch nicht mal meine Personalkosten gedeckt. Diese machen 75 bis 80 Prozent des Gesamtetats aus. Mir bleibt fast nichts mehr, um eine Aktivität zu starten wie zum Beispiel einen Prospekt zu erstellen, um auf dieses Haus aufmerksam zu machen.

Welchen Betrag würden Sie sich denn wünschen?

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Das kann man im Moment nicht sagen. Ich nenne da ungern Zahlen. Wir sind noch dabei, uns das Haus genau anzuschauen. Die Immobilie gehört der Stadt, und ich bin froh, dass uns die Gemeinnützige Baugesellschaft GBO bei Reparaturen unterstützt. Aber letztlich wird immer nur geflickt. Wir bräuchten eine Generalsanierung, die mit der inhaltlichen Präsentation zusammenfließt. Wenn das nicht gelingt, sieht es sehr schlecht für das Museum aus.

Wie sehen Sie denn perspektivisch die Zusammenarbeit mit dem Senatsvorsitzenden und Oberbürgermeister Felix Schwenke, mit dem Sie ja im Streit liegen sollen?

Ich weiß nicht, woher Sie diese Information haben. Ich habe mich nicht mit OB Schwenke gestritten. Wir haben einen Senat, und ich bin immer im Gespräch mit möglichst vielen Senatoren.

Was sagen Sie zur Aussage von Felix Schwenke, der Theaterclub Elmar werde in diesem Jahr wieder im Ledermuseum spielen?

Davon weiß ich nichts.

Impressionen von der „Nacht der Museen“ 2016

Sie haben sich vorgenommen, das Museum rundum zu erneuern. Haben sich 2017 mit den beiden Jubiläumsausstellungen Erfolge bemerkbar gemacht, kamen mehr Besucher?

Wir haben durchweg sehr gute überregionale Presse für unsere jüngsten Projekte bekommen. Aber wir haben auch Standortnachteile, und wir werden nicht plötzlich neue Zahlen haben. Aber wir merken, dass das Besucherinteresse langsam anzieht. Das ist ganz normal in diesem Geschäft, man muss über eine Zeit hinweg auf einem gewissen Niveau bleiben, die Besuchergewinnung konstant halten. Meine Vorstellung ist, dass das Deutsche Ledermuseum in der Rhein-Main-Region wieder präsenter wird. Und es ist durchaus so, dass an den Wochenenden Besucher zum Beispiel aus Mainz, Wiesbaden oder vermehrt auch aus dem Landkreis kommen.

Was meinen Sie mit Standortnachteilen in Offenbach?

Leider gibt es immer noch eine Hemmschwelle, nach Offenbach zu kommen, vor allem für Frankfurter. Das habe ich erst gelernt, nachdem ich aus Bayern hergezogen bin. Positiv finde ich dennoch, wie nah die Städte in der Rhein-Main-Region beieinanderliegen. Das Ledermuseum kann ein Marketinginstrument für die Stadt Offenbach sein und in die Region hinausstrahlen.

Wie soll das denn konkret gelingen?

Wie ich es schon beschrieben habe: Die Anfänge sind da. Aber bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ich denke, dieses Museum kann nur funktionieren mit Offenbach, aber eben nicht ausschließlich mit Offenbach, weil es eine zu große Dimension hat. Die Sammlung ist herausragend, ein Schatz. Und den müssen wir noch besser herausstellen.

Was planen Sie als nächste Ausstellung?

Ab Herbst zeigen wir einen Projektraum, in dem es um das Material Leder geht. Das ist ein wichtiges Thema im Haus. Sie wissen, die Lederproduktion ist in Verruf geraten. Da wollen wir verstärkt aufklären. Und es gibt Ersatzmaterialien, über die wir ebenfalls kritisch informieren wollen. Wichtig ist uns, die Besucher mit unseren Objekten an den Werkstoff Leder heranzuführen und die unterschiedlichen Lederarten darzustellen.

Nicht nur Leder ist in Verruf geraten, auch Exponate, die in der Kolonialzeit unrechtmäßig in europäischen Museen gelandet sind. Sicher betrifft dieser Komplex auch Ihre Ethnologische Sammlung?

Das ist ein ganz aktuelles Thema für uns. Wir schätzen, dass wir etwa zehntausend Objekte auf ethnologischem Gebiet haben, darunter viele, die ursprünglich aus Afrika, Nordamerika und vom Amazonas stammen. Ich verfolge diese Diskussion um das koloniale Erbe sehr stark, und wir sind dabei, Fördergelder für die aktuelle Aufarbeitung dieses Sammlungsbestands zu akquirieren.

Das bedeutet, es müsste eine neue Stelle geschaffen werden?

Richtig. Wir haben seit Ende des vergangenen Jahres eine Ethnologin unter Minivertrag, und wir vom Ledermuseum wollen mit unserem Sammlungsgebiet Afrika anfangen. Dort müsste untersucht werden, wie diese Objekte ins Haus gekommen sind. Die Ergebnisse möchten wir transparent machen. Allerdings müsste diese Stelle erst einmal finanziert werden.

Spielen die Eintrittsgelder bei der Finanzierung des Ledermuseums eine große Rolle?

Nein, und sie werden auch in Zukunft kein wichtiger finanzieller Teil mehr sein können, das prophezeie ich Ihnen! In der Öffentlichkeit wird doch schon eine Diskussion geführt, auf Eintrittsgelder ganz zu verzichten. Und in den städtischen Museen in Frankfurt und in Offenbach zahlen Kinder und Jugendliche bereits keinen Eintritt mehr.

Was wünschen Sie sich für das Ledermuseum?

Meine Vorstellung ist, dass es einen kleineren Teil als Dauerausstellung geben wird, in dem zwei Themengebiete eine Rolle spielen. Einmal das Material Leder, da möchte ich, dass wir zu einer Art Kompetenzzentrum werden. Zum anderen die Geschichte der Lederindustrie in Stadt und Kreis Offenbach. Zudem möchte ich vermehrt Wechselausstellungen anbieten. Mein Wunsch wäre, dass sich möglichst immer mehr Interessenten fragen: Was bietet das Ledermuseum denn gerade für eine aktuelle Ausstellung? Und die dann denken: Das wäre doch spannend, die zu besuchen! Und natürlich würde ich mir auch wünschen, dass die Offenbacher vermehrt in die Ausstellung gehen – und nicht nur in den Veranstaltungssaal – und wahrnehmen, was sie für einen Schatz an herausragenden Exponaten vor der Haustür haben.

Haben Sie auch Ideen für den doch etwas öden Museumsvorplatz?

Da habe ich viele! Wir könnten zum Beispiel eine Espressobar aufstellen oder einen temporären Pavillon im Sommer... Wenn Sie mir Geld geben, setzen wir das direkt um!

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