Mehr Grün im Masterplan

Weg zum Wachstum streitig

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Todsünde Leerstand: Städte sollten unbedingt vermeiden, dass – wie hier in der Offenbacher Fußgängerzone – Läden verwaist sind. Das signalisiere Verfall und schrecke ab, meinte Ralf Fücks, grüner Vordenker in Sachen Stadtentwicklung, der am Mittwochabend im Hafen 2 das Eingangsreferat hielt.

Offenbach - Die Grünen wollen mehr Grün im gerade beschlossenen Masterplan. Ob und wie das funktionieren kann, wurde im Hafen2 bei einer gut besuchten Diskussion zur Stadtentwicklung ausgelotet. Von Matthias Dahmer 

Ein grüner Masterplan für Offenbach, kann das funktionieren? Nun, es wird ziemlich schwierig, wie eine muntere Diskussion mit überraschend vielen Besuchern am Mittwochabend im Hafen 2 zeigte. Die Ansichten darüber, wie der im Grundsatz vom Parlament beschlossene Masterplan einmal die Stadtentwicklung in den nächsten 15 Jahren beeinflussen soll, sind auf den ersten Blick fast unvereinbar: Hier die IHK, die im eigens gegründetem Verein zusammen mit dem Stadtplanungsamt Konzept und Ablauf des Masterplans erarbeitet hat. Wachstum, Erhöhung der Einnahmen, Drehen der Bevölkerungsstruktur und Image-Wandel lauten die im Konsens und unter dem Druck des Schutzschirms gefundenen Parameter, die IHK-Geschäftsführer Frank Achenbach vor 100 Gästen im Hafen 2 mehrfach verteidigen musste.

Dort die Offenbacher Grünen, die nun auch mitreden wollen und ein „intelligentes Wachstum“ fordern. Ziel sei ein nachhaltiger Masterplan, der gleichermaßen die wirtschaftlichen wie die sozialen, ökologischen und kulturellen Belange berücksichtige, steckte Fraktionschefin Susanne Schmitt das grüne Terrain ab.

Alles nur machbar, wenn auch das Geld da ist, lautete zusammengefasst Achenbachs Position. Es gelte, sich zunächst auf die Einnahme-Seite zu fokussieren. Ansiedlungswillige Firmen benötigten Flächen, Unterstützung von der Stadtverwaltung und ein funktionierendes Gemeinwesen. Nötig sei zudem, das Image des Standorts zu verbessern. „Die Unternehmen sollten sich nicht mehr für ihre Offenbach-Adresse entschuldigen“, so Achenbach.

Al-Wazir gegen „SUV-Schicksen“ im Nordend

Angesichts einer hohen Zahl von Hartz-IV-Empfängern und Schulabbrechern und damit auch verbundenen Wirtschaftsdaten, die seit Jahren nach unten gehen, hält der IHK-Geschäftsführer zudem einen Wandel der Bevölkerungsstruktur für unabdingbar.

Bedingte Zustimmung erhielt er vom grünen Hessischen Wirtschaftsminister. Auch für Tarek Al-Wazir ist eine bessere soziale Durchmischung erstrebenswert. Dies dürfe aber nicht dazu führen, dass etwa im Nordend nur noch „SUV-Schicksen“ anzutreffen seien oder sozial aufgestiegene Migranten von der östlichen Innenstadt nach Heusenstamm zögen, weil ihnen Offenbach zu dreckig sei.

Trotz schlechter Parameter, zu denen Al-Wazir das Fehlen einer echten Hochschule zählt, sieht er Chancen für Offenbach. Die Stadt sei mittlerweile auf dem Wohnungsmarkt der „Überlauf“ Frankfurts und befinde sich auf einem guten Weg, einstige Industrie- in Kreativstandorte umzuwandeln.

Helena Malsy (Mitte), Unternehmerin und Mitglied der Grünen, moderierte souverän die Diskussion zum Masterplan. Auf dem Podium standen unter anderem (von rechts): Frank Achenbach (IHK), Tarek Al-Wazir, Stadtverordneter Edmund Flößer und Grünen-Fraktionschefin Susanne Schmitt. - Foto: mad

Einen schweren Stand hatte Al-Wazir beim allgegenwärtigen und der Entwicklung Offenbach abträglichen Fluglärm. Das sei ein „janusköpfiges“ Thema, räumte der in Sachen Flughafen bekanntlich mittlerweile gewendete Grünen-Politiker ein. Einerseits schade Fluglärm bei der Ansiedlungsfrage. Andererseits habe der Flughafen und die damit einhergehende gute Verkehrsanbindung dafür gesorgt, dass sich etwa Hyundai in Offenbach niedergelassen habe. „Ich versuche mit dieser vermaledeiten Situation umzugehen“, so Al-Wazir. Gleichwohl haben für ihn Fluglärm und Niedergang der Stadt nichts miteinander zu tun, so hält er intelligentes Wachstum trotz Fluglärmbelastung für möglich.

Wie ein solches aussehen könnte, hatte zuvor Ralf Fücks, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung und einstiger Umweltsenator von Bremen, in einem etwas zu lang geratenen Impuls-Referat verdeutlicht. Vom demografischen Wandel betroffene Städte dürften nicht in einer „Schrumpf-Idylle“ verharren. Fücks, Autor des Buchs „Intelligent wachsen“, plädierte für einen ökologischem Stadtumbau. Dazu gehören für ihn weitgehende Selbstversorgung bei Energie und Nahrung und ein urbanes gemischtes Umfeld ebenso wie hoher sozialer Zusammenhalt, bürgerschaftliches Engagement, Toleranz und die Möglichkeit, den sozialen Aufstieg zu schaffen.

Mit einem speziellen Rezept für Offenbach konnte er nicht dienen. Nur soviel: Leerstand sei gefährlich weil er Verfall signalisiere. Besser seien Zwischennutzungen oder sogar Abriss. Gebäude. Geschockt zeigte sich Bahnfahrer Fücks vom Zustand des Hauptbahnhofs: „Das dürfen Sie nicht dulden“, appellierte er.

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