Zuwanderung im Mathildenviertel

Durchgreifen und beraten

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Ein Quartier im ständigen Umbruch: Aus der Östlichen Innenstadt ist das multikulturelle Mathildenviertel geworden“.

Offenbach - Männer in alten, verwaschenen Kleidern, sie wirken ungepflegt. In kleinen, manchmal großen Gruppen stehen oder sitzen sie vor Internetcafés an der Bieberer Straße. Sie kommen meist aus Bulgarien, auf der Suche nach Arbeit. Im Viertel grummelt’s. Von Peter Klein

Wer dort läuft, muss oft die Straßenseite wechseln, um so einem Pulk auszuweichen. Inzwischen werden Unterschriften gesammelt, Ordnungsamt und Polizei sollen einschreiten.

Quartiersmanager Marcus Schenk sowie die Migrationsberater Ali Karakale und Wilfried Bille wollen mit Anwohnern und Bulgaren ins Gespräch kommen. Am Dienstagabend bauen sie Biertische auf, servieren Kaffee und Kuchen. Da viele der Bulgaren zur türkischen Minderheit ihres Landes gehören, kann sich Ali Karakale problemlos mit ihnen verständigen. Die Bulgaren zeigen sich überrascht von der Aufregung: Sie säßen doch nur da und pöbelten niemanden an; sie wollten arbeiten, weil es daheim keine Arbeit gebe; sie schildern, wie schwer es ist, bezahlbare Unterkunft zu finden; einige haben Familie dabei, kriegen die Kinder aber nicht in die Schule – wegen mangelnder Deutschkenntnisse bleiben ihnen Zuständigkeiten verschlossen.

Marcus Schenk redet mit Anwohnern. Er verstehe beide Seiten, sagt er. Sicher sei es unangenehm, wenn Bulgaren Bürgersteige belagerten. Andererseits sei das Herumstehen nicht strafbar.

Ausdruck eines verdrängten Problems

Als Konsequenz will der städtische Quartiersmanager mit koordinierten Aktionen mehr Präsenz zeigen, sowohl mit Polizei und Ordnungsamt als auch mit sozialen Akteuren wie Migrationsberatung, Diakoniekirche und Obdachlosenwohnheim. „Überall, wo man versucht, nur mit Ordnungsmitteln gegen die Leute vorzugehen, sind sie noch da“, sagt Schenk.

Die Männer an der Bieberer Straße sind nur sichtbarer Ausdruck eines verdrängten Problems. Seit 2007 ist die Zahl der bulgarischen Einwohner Offenbachs von 348 auf 1876, die der rumänischen von 751 auf 2097 gestiegen. Das sind aber nur die, die sich offiziell angemeldet haben.

Seit Rumänien und Bulgarien zur EU gehören, haben deren Staatsangehörige auch Reisefreiheit innerhalb der Gemeinschaft. Nur arbeiten dürfen sie in Deutschland nicht – es sei denn als selbstständige Geschäftsleute. So versuchen sich viele als „Selbstständige“, mal mit, mal ohne Gewerbeschein. Man könnte sie auch Tagelöhner nennen. Das trifft nicht nur Offenbach.

Arbeiterstrich und Schwarzarbeit

„Das Problem des sogenannten Arbeiterstrichs stellt sich in ganz Deutschland, vor allem in Großstädten“, weiß Klaus Salzsieder, Pressesprecher der Abteilung Finanzkontrolle und Schwarzarbeit der Bundesfinanzdirektion West in Köln. Über genaue Zahlen des Phänomens verfüge er nicht. Strafbar sei erst illegale Arbeitsaufnahme.

Offenbacher Anwohner wie Carlo Landesvatter schreiben von untragbaren Zuständen, fordern einen hart durchgreifenden Ordnungsdienst. Katica Selic vom kroatischen Lebensmittelladen hingegen tun die Leute einfach nur leid: „Man sieht doch schon an ihrer Kleidung, dass die absolut arm sind.“ Polizeisprecher Josef Michael Rösch sagt: „Wir wissen, dass es dort gewisse Unordnungsmerkmale gibt, aber die Tatsache, dass Personen da rumstehen ist für uns kein Problem.“ Es gab einen Einsatz wegen Ruhestörung, aber der galt einer Gaststätte.

Peter Weigand, Leiter des Ordnungsamts, versichert, man habe die Bieberer Straße im Fokus. Aber nur wenn die Leute Müll auf die Straße schmeißen oder in Fahrzeugen nächtigen, kann es Platzverweise geben.

Workshop zum Thema Zuwanderung aus Osteuropa  

Differenziert blickt Annette Laier vom gleichnamigen Spezialitätengeschäft auf das Phänomen. Sie weiß von der Unterschriftenaktion im Viertel, betont in einer E-Mail an die Diakoniekirche aber, sie fühle sich nicht bedroht. Einerseits könne sie Geschäftsleute verstehen, wenn Kunden ausblieben. Andererseits sei Hilfe und Aufklärung nötig.

Menschen aus Rumänien finden beides in Offenbach leichter als Bulgaren. Die hiesige rumänische Gemeinde hat einen Hilfsverein, der Neuankömmlinge unterstützt. Vorsitzende Dorothea Krampol bedauert aber, dass Rumänen mit Bulgaren ebenso ein Sprachproblem wie Deutsche hätten.

Birgitta Hedde, stellvertretende Leiterin des Staatlichen Schulamts, teilt mit, dass von den bisher beratenen Kindern für Integrationskurse auf weiterführenden Schulen etwa ein Drittel aus Bulgarien und Rumänien stammt. Ali Karakale hat das Thema auf die Agenda der Treffen mit den Migrationsberatern gesetzt. Ana-Violeta Sacaliuc von der Modellregion Integration plant einen Workshop für Verwaltung, Polizei und Migrationsberater zum Thema Zuwanderung aus Osteuropa sowie ein ehrenamtliches Beratungszentrum für Bulgaren.

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