„Wir treten auf der Stelle“

Missstände trüben Fortschritt im Mathildenviertel

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Sichtschutz aus Tüchern und Satellitenschüsseln auf oftmals mit Gerümpel zugestellten Balkonen: Das Haus Hermann-Steinhäuser-Straße 17 gilt weiter als Problem-Immobilie.

Offenbach - Vieles ist besser geworden im Mathildenviertel, aber längst sind nicht sämtliche Missstände beseitigt. Das sagte Peter Ambros, Vorsitzender der BI Östliche Innenstadt, in unserer Zeitung im Mai 2012. Drei Jahre später gilt dieser Befund noch immer. Von Matthias Dahmer 

Was Ambros dabei besonders ärgert: Dass sich bei den „punktuellen Rückschlägen“, wie er seinerzeit die Problemfälle im Viertel genannt hat, nichts geändert hat. Ja, räumt Ambros ein, Baulücken seien geschlossen und in großem Stil neue Wohnungen für den Mittelstand gebaut worden. Und: „Man könnte heute jedermann einen Zuzug in das Viertel empfehlen“, so der BI-Vorsitzende. Umso unerträglicher seien deshalb Missstände, die den Fortschritt entscheidend hemmten. Dazu zählt für Ambros die Immobilie Hermann-Steinhäuser-Straße 17.

Die Zustände dort sind seit Jahren Beispiel dafür, wie einzelne Problemfälle Stadtenwicklung stoppen können. 96 Wohnungen, die meisten davon Ein-Zimmer-Apartments, 50 verschiedene Eigentümer, gewaltiger Sanierungsstau – das sind beste Voraussetzungen für sozialen Zündstoff. „Die meisten der Eigentümer wohnen nicht hier. Sie sind einzig an der Vermietung und den Einnahmen interessiert“, berichtet Peter Ambros. Jeder Vorschlag einer Sanierung, der von den wenigen verantwortungsbewussten Eigentümern komme, werde von einer Hausverwaltung verhindert, die Eigeninteressen vertrete. Wie zu hören war, besitzt diese Hausverwaltung selbst mehrere Wohnungen in der Immobilie, verfügt sogar über eine Stimmenmehrheit in der Eigentümerversammlung und kann auf diese Weise Vorhaben blockieren.

Die Einschätzung des BI-Vorsitzenden Ambros teilt Winfried Männche, Geschäftsführer der Gemeinnützigen Baugesellschaft Offenbach (GBO). Das städtische Unternehmen hat bislang vier Ein-Zimmer-Wohnungen in dem Hochhaus erworben, vermietet sie an HfG-Studenten und will so nach und nach die Bewohnerstruktur drehen. „Wir investieren in das Viertel, doch in diesem Fall treten wir wegen der Hausverwaltung auf der Stelle“, bedauert Männche. Was die betreibe, sei „Gestaltungsmissbrauch einer Mehrheitseigentümerin“. Die GBO denke deshalb darüber nach, gerichtlich gegen die Hausverwaltung vorzugehen.

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Peter Ambros nennt Beispiele für untragbare Zustände: Vor Jahren seien auf dem Flachdach Plastikabdeckungen als Dichtung gegen Regen aufgestellt worden. Diese Maßnahme sei äußerst gefährlich, der Sturm habe bereits Teile auf die Straße geweht und Passanten gefährdet. Die Balkone seien nicht nur mit Satellitenschüsseln bestückt, sondern auch mit Gerümpel aller Art zugestellt, welcher weit über die Brüstungen reiche. „Ein slumähnlicher Anblick“, findet Ambros. In einem Fall sei durch Anbau rechtswidrig Wohnraum geschaffen worden. Zudem sei das Haus überbelegt.

Der BI-Chef sieht die Stadt in der Pflicht: „Eine Genehmigung etwa für die Dachabdeckung gibt es wohl nicht. Aber niemanden kümmert das.“ Fast schon resignierend resümiert er: Trotz mehrfacher und zunächst glaubwürdiger Zusagen städtischer Vertreter habe sich seit Jahren die Situation nicht gebessert. Rechtlich sei das Vorgehen schwierig, das wisse man. „Dennoch wären Möglichkeiten gegeben. Diese setzen allerdings Durchhaltevermögen und Zeitinvestment voraus. Daran fehlt es in dieser Stadt“, so Ambros.

Kenner weisen in Sachen städtischer Möglichkeiten darauf hin, dass die Dachabdeckung ein Fall für die Bauaufsicht sein könnte, die Balkonen mit Blick auf den Brandschutz zu betrachten wären. Die Hausverwaltung, die nicht namentlich genannt werden will, weist die Vorwürfe zurück: Man habe die Aufgabe erst vor zwei Jahren übernommen und sei um Verbesserungen bemüht. Doch das sei auch angesichts des finanziellen Polsters nicht einfach. Die Vorgänger-Verwaltung habe nur 3600 Euro Rücklagen, dafür aber 200.000 Euro offene Forderungen hinterlassen. Der Einfluss auf die Wohnungseigentümer, die schließlich vermieten könnten, an wen sie wollten, sei sehr begrenzt.

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