Mit Mauer erfolgreich, mit Möbeln glücklich

+
Der Offenbacher Produktgestalter und Preisträger Kai Linke mit dem Modellstein seiner Senefelder-Skulptur. Die Betonblöcke werden bedruckt und aufeinander gesetzt.

Offenbach ‐ Von spannungsvollem Freiraum ist die Rede, ebenso von kreativem Potenzial, das in den Räumen der Hochschule für Gestaltung und den Hinterhöfen wächst. Der verschwommene Begriff der Kreativwirtschaft hat viele Gesichter, die oft nur sichtbar werden, wenn ein gemeinnütziger Verein oder ein florierender Konzern in seine Geldschatulle greift. Von Katharina Platt

Auch Kai Linke, Absolvent der HfG und gebürtiger Offenbacher, verleiht der Kreativwirtschaft eine Identität. Der 29-Jährige steht für den Wandel von der Arbeiter- zur Kreativstadt und wurde nun mit dem Senefelder-Preis ausgezeichnet. Zum Streicheln zart fühlt sich das helle Holz an, dessen Struktur dank eines technischen Verfahrens deutlicher als üblich zutage tritt. Fährt man mit der Hand über die Oberfläche, schmiegen sich feine Rillen an die Haut. Die Kiste aus Fichtenholz steht im Atelier von Kai Linke im Frankfurter Westend. Bis vor ein paar Tagen war sie Ausstellungsstück der Kölner Möbelmesse IMM. Gemeinsam mit Reinhard Dienes hatte Linke dort einige Exponate der Serie „Blasted Familii“ präsentiert.

Möbeldesign, damit möchte der Designer seine Brötchen verdienen. Doch in den Schlagzeilen steht er, weil sein Entwurf einer Skulptur kürzlich den Senefelder-Preis erhält. Im Büsingpark soll sein „Relief der Lithografie Steine“ aufgestellt werde. 1,85 Meter breit und 2,30 Meter hoch soll das Kunstwerk sein – eine Mauer aus bedruckten Steinen, die sich in Form und Größe an Lithografiesteinen orientieren. Noch tüftelt der Preisträger an der Umsetzung.

In der Luft liegt der Geruch nach Holz

In seinem Atelier macht Kai Linke er alles selbst. Ob Miniatur-Stühle aus Plexiglas, Tischböcke aus Beton, edle Holzkisten oder schicke Lampen, Linke ist Handwerker, Schreiner, Installateur und Designer in einer Person. In der Frankfurter Myliusstraße, wo mehr Banker, Juristen und Ärzte zuhause sind als junge Künstler, stapelt sich bis unter die Decke Kunst.

„Dass sich hier Büro, Werkstatt und Lager einen Raum teilen, ist manchmal schon problematisch“, sagt Linke. „Wenn ich hier 35 Liter Beton zusammenmische, wird es ganz schön staubig.“ Kehrt er dann zum Mittagessen in eines der schicken Lokale ein, ist er nicht nur der einzige ohne Anzug, sondern auch der einzige mit Staub in den Haaren. Und dennoch liebt er das Flair des Viertels.

Es ist unübersehbar, dass in den Räumen im Erdgeschoss gearbeitet wird. In der Luft liegt der Geruch nach Holz, kaltem Stein und Farbe. Zwischen Werkzeugregalen und Arbeitsflächen stehen Pflanzen. Auch sie sind Arbeits- und Gestaltungswerkzeug des groß gewachsenen Designers. Für seine Diplomarbeit „Roots“ gab er Pflanzen die Wuchsrichtung ihrer Wurzeln vor und formte aus ihnen Stühle und Tische.

Sitzmöbel sind ohnehin die Hauptarbeiten des diplomierten Künstlers. Einer seiner Stühle steht sogar vor dem Büro von Petra Roth. Sitzen kann man auf dem „Koalitionsstuhl“, wie ihn Frankfurts Oberbürgermeisterin spontan genannt hat, allerdings nicht. Einiges, was die Handschrift Linkes trägt, fehlt es an Funktionalität. „Meine Sachen haben oft einen objekthaften Charakter“, sagt er. Weder Kunst noch Design schreibt er sich auf die Karte, sondern balanciert zwischen beiden Bereichen. Nichts desto trotz entwirft er auch Möbel zum Benutzen. Weil die Mehrzahl der Deutschen allerdings an schicke Funktionalität à la Ikea hängt, kann er von seinen Designarbeiten noch nicht leben. Um seine Rechnungen zu bezahlen, fährt er Blumen aus. „Das ist ein toller Job“, schwärmt der Designer.

In der HfG bekam er die Möglichkeit, frei zu arbeiten

International kommen seine Arbeiten besser an. In London verkauft ein Design-Shop seine Werke, die meist durch besondere Materialien und ihre kreative Bearbeitung ins Auge fallen. Es gibt kaum ein Material, an das sich Linke nicht herantraut. Er schätzt es, dass seine Entwürfe unter seiner Hand entstehen. So sind für ihn die Ergebnisse am schnellsten sichtbar.

In der HfG bekam er die Möglichkeit, frei zu arbeiten. Auch wenn er heute in Frankfurt lebt, fühlt er sich seiner Heimatstadt verbunden. „Offenbach ist eine richtige Stadt. Nicht so geleckt, echt und authentisch. Zwar sehen die Offenbacher zwar nicht so aus, als wären sie glücklicher... Aber manchmal scheint es, als seien sie es dennoch.“

Kommentare