Mediziner werden immer mehr zum Verkäufer

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Ärzte bekommen immer öfter Geld für Überweisungen ins Krankenhaus.

Offenbach - „Der ökonomische Druck darf das Arztbild nicht prägen“, sagt Jörg- Dietrich Hoppe, Präsident der Bundesärztekammer. Doch wie sieht die Wirklichkeit aus? Von Peter Schulte Holtey

Ein immer größerer Teil des Einkommens vieler niedergelassener Mediziner beruht darauf, dass sie Patienten Therapien und Gesundheits-Checks anbieten, für die die Krankenkassen nicht zahlen. Es geht um die so genannten Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL); dabei gibt es einige sinnvolle Angebote, etwa in der Vorsorge, bei einer Mehrzahl ist der Nutzen für den Patienten nach Ansicht von Experten aber gering.

Dass die Kommerzialisierung immer weiter fortschreitet, wird auch angesichts der Berichte über dubiose Einnahmequellen deutlich. Vor allem in Ballungsräumen wie Rhein-Main, wo die Konkurrenz unter den Kliniken besonders groß ist, versuchen diese nun offenbar zunehmend, ihre Wirtschaftlichkeit durch hohe Fallzahlen zu sichern, indem sie den regelmäßig zuweisenden Medizinern für Patienten, die mit bestimmten Diagnosen für eine stationäre Behandlung überwiesen werden, eine Vergütung leisten. Ein Verfahren, das zunehmend auch bei Ärzteverbänden für „Bauchschmerzen“ sorgt.

„Ethnische und juristische Grauzone“

Vorreiter ist die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU). „Im Klartext handelt es sich um bezahlte Leistungen nach der Gebührenordnung für Ärzte, die das Zehn- bis 20-Fache dessen ausmachen, was ein Urologe ansonsten pro Quartal für die Behandlung eines Patienten vergütet erhält“, teilte die DGU mit. Man habe es hier mit einer „ethischen und juristischen Grauzone“ zu tun. „Persönlich halte ich die von verschiedenen Arztgruppen, auch von Urologen, praktizierte Einweisungsvergütung für hochproblematisch“, so DGU-Präsident Manfred Wirth. „Konstruierte Kooperationsverträge zwischen Niedergelassenen und Kliniken über vor oder nach dem Klinikaufenthalt erbrachte Leistungen des Zuweisers dienen der Rechtfertigung der Einweisungsvergütung, bleiben aber letztlich die Suche nach juristischen Schlupflöchern“, urteilt der Fürther Urologe Professor Dr. Lothar Weißbach. „Denn es bleibt fraglich, ob diese Leistungen erbracht werden, angemessen oder notwendig sind.“

Für die Deutsche Hospiz Stiftung ist es ein „unfassbarer Skandal“. „Die Opfer solcher Machenschaften sind in erster Linie die Schwerstkranken und Sterbenden“, erklärte der Geschäftsführende Vorstand Eugen Brysch. „In ihren letzten Lebensmonaten werden sie im Schnitt fünf Mal zwischen Pflegeheim und Krankenhaus hin und her überwiesen. Jetzt kommt heraus, wie sehr sich das für die niedergelassenen Ärzte lohnt.“ Der Leidtragende sei der Patient, der gar nicht mehr gesund werden könne und trotzdem immer wieder stationär medizinisch behandelt werde.

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Ein klares „Nein“ kommt auch von der AOK-Hessen. Anfang des Jahres habe das Landgericht Duisburg die Praxis der Zuweiserprämien für sitten- und wettbewerbswidrig erklärt. Kassen-Sprecher Riyad Salhi: „Die Auswahl des für ein bestimmtes Krankheitsbild geeigneten Krankenhauses soll letztendlich vom Patienten vorgenommen werden, nach eingehender Beratung mit dem niedergelassenen Arzt. Diese Beratung muss unvoreingenommen und auf der Grundlage medizinischer Notwendigkeiten erfolgen.“

Gleichwohl gebe es durchaus Konstellationen, in denen Kooperationsverträge zwischen niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern sinnvoll sein könnten. das Beispiel des AOK-Sprechers: Wenn der niedergelassenen Arzt bestimmte Untersuchungen - Röntgenbilder, Labordiagnostik - durchführt und dafür definierte Pauschalen vom aufnehmenden Krankenhaus erhält, könne das medizinisch und wirtschaftlich geboten sein. Salhi: „So werden teure Doppeluntersuchungen vermieden, wovon in erster Linie die Patienten profitieren.“ Zu einer Doppelabrechnung dürfe es dabei selbstverständlich nicht kommen.

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