Thomas Iser, Chef der Agentur für Arbeit, im Interview

Mehr Arbeitslose in Offenbach erwartet

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Thomas Iser, Leiter der Agentur für Arbeit Offenbach, will möglichst viele junge Menschen in Ausbildung bringen.

Offenbach - Erwerbstätige, Auszubildende, Flüchtlinge: Seit fünf Jahren laufen bei Thomas Iser die Fäden für den Offenbacher Arbeitsmarkt zusammen. Im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Marc Kuhn analysiert der Chef der Agentur für Arbeit Offenbach die Situation und blickt in die Zukunft.

Sie sind fünf Jahre im Amt. Wie hat sich die Arbeitslosigkeit in der Zeit in Stadt und Kreis entwickelt?

Insgesamt ist sie zurückgegangen. Es gab in der Zeit aber Wellenbewegungen. 2013 und 2014 ist die Arbeitslosigkeit in unserem Zuständigkeitsbereich stark gestiegen. Wir sind überwiegend für die neuen Erwerbslosen verantwortlich, die Jobcenter MainArbeit und ProArbeit für Langzeitarbeitslose. In diesem Jahr ist die Zahl der Arbeitslosen gesunken.

Wo liegt die Arbeitslosenquote?

Wir liegen bei 6,1 Prozent im Bezirk der Agentur für Arbeit Offenbach. Das sind 15 145 Erwerbslose.

Wie sehen die regionalen Unterschiede aus?

Zum Bezirk gehören ja die Stadt und der Landkreis Offenbach. In den vergangenen fünf Jahren hat sich einiges verändert. Damals wurde der Westkreis mit der Geschäftsstelle Langen nicht in den Bezirk eingerechnet. Seit drei Jahren gehört der gesamte Landkreis zum Agenturbezirk. Die Arbeitslosigkeit ist von 2011 bis 2015 insgesamt im Bezirk von 7,3 auf 6,1 Prozent zurückgegangen. Es gibt aber große Unterschiede zwischen dem Kreis und der Stadt. Im Landkreis ist die Erwerbslosigkeit in den fünf Jahren im Durchschnitt von 6,1 auf 4,9 gesunken. In der Stadt ist sie von 10,7 auf 10,9 Prozent gestiegen.

Wo steht Offenbach in Hessen?

Der Agenturbezirk liegt hinter Frankfurt - 6,4 Prozent - an zweitletzter Stelle. Zusammen mit Kassel haben wir eine Quote von 6,1 Prozent. Die Stadt Offenbach hat die höchste Quote aller Kommunen in Hessen.

Welche Entwicklung erwarten Sie auf dem regionalen Arbeitsmarkt im nächsten Jahr?

Wir erwarten im nächsten Jahr einen leichten Anstieg der Arbeitslosigkeit um rund 2,5 Prozent.

Warum?

Wir gehen davon aus, dass es mehr Flüchtlinge geben wird, die auf Arbeitssuche sind. Und auch die Zahl der Menschen, die aus Osteuropa kommen, wird steigen.

Wie geht es mit der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung weiter?

Die Entwicklung in den vergangenen fünf Jahren war sehr erfreulich. Es gab einen Anstieg um etwa 10 000 Stellen - von rund 149 000 auf etwa 159 000. Wir erwarten im nächsten Jahr einen weiteren Anstieg um rund zwei Prozent.

Welche Änderungen stehen in Ihrem Hause im nächsten Jahr an?

Wir hatten ja zwei Gebäude am Standort. Das „alte Arbeitsamt“ neben unserem Gebäude ist verkauft worden. Deshalb bauen wir das Erdgeschoss und den ersten Stock um. Dort wird das Berufsinformationzentrum untergebracht. Es befindet sich derzeit noch auf dem Nachbargrundstück.

Leiharbeit, befristete Verträge: Nicht nur die Gewerkschaften klagen über prekäre Beschäftigung. Welche Rolle spielt sie in Offenbach?

Ja, es ist auch ein Thema in Offenbach. Es gibt viele Stellen von Leiharbeitsfirmen. Und es gibt zahlreiche befristete Jobs. Dies ist aber durchaus auch eine Chance für den Wiedereinstieg nach Arbeitslosigkeit.

Liegen Ihnen Zahlen vor?

Rund ein Drittel der Stellen, die bei uns gemeldet sind, kommen aus dem Bereich der Leiharbeit.

Wie viele Stellen sind bei der Agentur für Arbeit Offenbach gemeldet?

Wir haben rund 3 300 Stellen im Bestand.

Welche Menschen haben es besonders schwer auf dem Arbeitsmarkt in Offenbach?

Besonders schwer haben es die Menschen mit einer geringen oder gar keiner Qualifikation. Aber auch die Menschen, die über schlechte Deutschkenntnisse verfügen, haben Probleme. Selbst Helfer müssen die Sprache beherrschen.

Ohne Ausbildung, ohne Schulabschluss: Sind viele in der Situation?

Ja. Das ist eine besondere Herausforderung in Offenbach. Der Anteil der Geringqualifizierten ist relativ hoch. Das führt dazu, dass es viele Langzeitarbeitslose gibt. Rund zwei Drittel der Arbeitslosen in der Stadt Offenbach sind nicht qualifiziert. Im Landkreis liegt der Anteil bei 50 Prozent.

Wie viele Langzeitarbeitslose gibt es in Offenbach?

Etwa ein Drittel der Erwerbslosen zählt dazu.

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Kommen sie aus der Situation überhaupt heraus?

Es ist tatsächlich nicht einfach. Vielen kann man nur über eine zusätzliche Qualifikation einen Arbeitsplatz vermitteln. Für die meisten Langzeitarbeitslosen sind die Jobcenter zuständig.

Wie schätzen Sie die Situation auf dem Ausbildungsmarkt in Offenbach grundsätzlich ein?

Ich habe mir vor fünf Jahren vorgenommen, möglichst viele junge Menschen in Ausbildung zu bringen. Das ist eine große Herausforderung für Offenbach. Wir sind in den vergangenen fünf Jahren durch eine gute Netzwerkarbeit schon ein Stück weiter gekommen. Die Handwerkskammer, die IHK, die Schulen, die Agentur für Arbeit und die Jobcenter kooperieren. Wir haben verschiedene Arbeitskreise aufgebaut. Wir versuchen, junge Leute schon frühzeitig in den Schulen zu unterstützen.

Sind alle Lehrstellen besetzt worden?

Leider nein. Wir stellen in den vergangenen zwei Jahren fest, dass mehr und mehr Stellen nicht besetzt werden können. Ein Grund dafür ist, dass die jungen Leute gerne auf weiterführende Schulen gehen. Zudem gelingt es uns nicht immer, Jugendliche auf die freien Stellen zu vermitteln. Wir müssen ihre beruflichen Perspektiven erweitern. Sie dürfen sich nicht nur auf wenige Berufe konzentrieren. Und: Viele Unternehmer sagen, dass die Jugendlichen zum Teil nicht ausbildungsreif sind.

Wie sehen die Zahlen vom Ausbildungsmarkt aus?

Es gab im Oktober in Offenbach rund 150 unbesetzte Stellen. Etwa 70 junge Menschen galten als unversorgt. Die konkreten Zahlen zu den abgeschlossenen Ausbildungsverträgen werden uns erst später gemeldet.

Wie hilft die Agentur bei der Suche nach Lehrstellen?

Zunächst sind die Berufsberater an allen Schulen präsent. Darüber hinaus bieten wir sogenannte berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen an. Dort wird jungen Leute geholfen, die noch nicht ausbildungsreif sind. Jugendliche, die in einer Lehre sind, unterstützen wir mit ausbildungsbegleitenden Hilfen, so eine Art Nachhilfe. 2015 haben wir die assistierte Ausbildung eingeführt. Ein Bildungsträger unterstützt dabei während der gesamten Ausbildungszeit.

Fassen die Flüchtlinge auf dem regionalen Arbeits- und Ausbildungsmarkt Fuß?

Kurzfristig werden nur wenige Fuß fassen. Aber mittel- bis langfristig wird es uns gelingen, viele Flüchtlinge auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt unterzubringen.

Bekommen sie Deutschkurse von der Agentur?

Im Kreis nehmen derzeit rund 400 Flüchtlinge an Deutschkursen teil, die von der Agentur finanziert werden. Für die Stadt gibt es ja offiziell keine Zuweisung von Flüchtlingen wegen des ohnehin hohen Migrantenanteils. Die Flüchtlinge am Kaiserlei sind in Übergangseinrichtungen des Landes untergebracht. Im Kreis gibt es etwa 2 500 Flüchtlinge.

Wie kümmert sich die Arbeitsagentur um die Flüchtlinge?

Wir haben im Oktober mit dem Kreis in Dietzenbach ein Arbeitsmarktbüro eröffnet. Es ist im Kreishaus untergebracht. Bei der Anlaufstelle sind zwei Mitarbeiter von der Arbeitsagentur und einer vom Kreis beschäftigt. Die Flüchtlinge sollen zunächst Deutsch lernen. Im nächsten Jahr sollen sie sogenannte Integrationskurse besuchen. Dort geht es neben dem Erlernen der deutschen Sprache auch darum, etwas über die deutsche Kultur und Politik zu erfahren. Menschen, die relativ gut Deutsch sprechen, bieten wir Maßnahmen an, die heißen Perspektive für Flüchtlinge. Dort geht es unter anderem um die berufliche Orientierung und die Auseinandersetzung mit dem Arbeitsmarkt.

Wie sieht es mit der Qualifikation aus?

Nach Zahlen vom Kreis bringen rund 70 Prozent der Flüchtlinge keine Qualifikation mit. 80 Prozent sind unter 35 Jahre alt. Auch der Anteil der unter 20-Jährigen ist hoch. Wir müssen diese Altersstruktur als Chance sehen und in die Ausbildung investieren. Wir haben Erfahrung auf diesem Gebiet, beispielsweise mit dem Projekt Ausbildung für junge Erwachsene. Wir müssen möglichst viele Flüchtlinge zu Fachkräften qualifizieren. Das ist kein kurzfristiges Vorhaben. In den nächsten zwei bis drei Jahren ist nicht damit zu rechnen, dass viele Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integriert werden können.

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