Mehr als haarsträubend

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Offenbach ‐ Nur eine Nobelkarosse, das wäre einfach zu wenig gewesen. Paolo B. (Name geändert) hatte also zwei. Von Marcus Reinsch

Er trug die teuerste Kleidung, zeigte sich in Restaurants gerne in Spendierhosen und gab den weltgewandten, erfolgreichen Geschäftsmann mit einigem Talent. Aber Paolo B., 49, war ein Blender, der aus der Rolle fiel. Und jetzt ist er vorbestraft. Das Offenbacher Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Manfred Beck verurteilte ihn wegen versuchten Betrugs zu einem Jahr Haft auf Bewährung - ein eher mildes Urteil angesichts der in jeder Hinsicht haarsträubenden Geschichte. Sie beginnt 2005.

Da kommt der Deutsch-Italiener B. auf die Idee, mit dem Trubel um die Fußballweltmeisterschaft in Deutschland leichtes Geld zu verdienen. Billigst kaufen, teuer verkaufen, das ist der Gedanke, und billiger als in der Fabrikarbeiterhölle China ist Ramsch jeder Art kaum zu haben. B. ordert bei einer Firma 190 000 Perücken, eine Art Badekappen in Glatzkopf-Optik, deren nationalfarbene Fusseln Fußballfans als Bekenntnis zu ihrer Mannschaft überstülpen sollen. Bis zu acht Euro Gewinn pro Stück rechnet sich B. beim Verkauf an Ständen vor den WM-Stadien aus.

Ein gefälschter Beleg über eine Auslandüberweisung nach China gefaxt

Doch er verrechnet sich gründlich. Er muss mehrfach nach China, doch außer ihm besteht seine Offenbacher Firma nur aus zwei Aushilfen. Es geht drunter und drüber, nichts klappt, und als die Produktionsfirma 120.000 Dollar Vorschuss verlangt, wird ein gefälschter Beleg über eine Auslandüberweisung nach China gefaxt. Die Chinesen liefern. Doch B. hat sich nicht um Vertriebswege gekümmert, verramscht die Perücken kurzerhand an einen Großhändler. Gewinn: null, für ihn nicht und für die Chinesen sowieso nicht. Die lassen sich das nicht gefallen, klagen vergeblich vor einem Zivilgericht und landen mit dem Fall schließlich vor Richter Manfred Beck.

Bitte an Mama wenden

Der staunt ganz gewaltig - weil ihm die eigens angereisten chinesischen Chefs eröffnen, dass sie nie an die Echtheit der Zahlungsanweisung geglaubt haben. B. sei ihnen als Kunde schon lange suspekt vorgekommen, sagen sie, doch in China seien mit dem Emblem „WM 2006“ bedruckte Perücken gänzlich unverkäuflich, und Lagerplatz verschwenden sei auch nicht in Frage gekommen. Eine Aussage, die Paolo B. eine Verurteilung wegen vollendeten Betrugs ersparte. Dafür, sagt Beck, hätten die Chinesen durchgängig für einen ehrenwerten Geschäftsmann halten müssen.

Darauf, dass sie das nicht getan haben, deutete am Rande des Prozesses auch eine mehrdeutige Kurznachricht hin, die die hintergangenen Geschäftsleute B. auf sein Mobiltelefon geschickt hatten. Wenn er seine Schulden nicht begleiche, müssten sie sich „an seine Mutter wenden“. Das sei, sagten die Chinesen vor Gericht, nur ein Appell an die Ehrlichkeit ihres Kunden gewesen, der in China bei Geschäftsessen immer von seiner Mutter und deren Ehrlichkeit geschwärmt habe. Keinesfalls hätten sie den Mann aus Deutschland bedrohen wollen…

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