Freie Fahrt für Freizeitskipper

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15 PS machen aus einer Nussschale noch kein Speedboat. Und doch reicht die Leistung, wie Jürgen Dönges von der SG Wiking zeigt, für ordentlich Wellenschlag.

Offenbach - Wie geht man mit neu gewonnenen Freiheiten um? „15 PS, das sind ein ganz schöner Bumms auf dem Wasser“, findet Klaus Mackeprang, Vorsitzender des Segelclubs Undine. Von Fabian El Cheikh

Vera Heintze, Leiterin der Segelabteilung des traditionsreichen Offenbacher Rudervereins (ORV), ist überzeugt: „Die neue Verordnung birgt Probleme für alle.“ Wer keine Ahnung von nautischen Regeln habe, gehöre nicht aufs Wasser. Dagegen zeigt sich Detlef Reissmann, Vorsitzender der SG Wiking, gelassener: „Die Motorisierung eines Autos sagt ja auch nichts aus über den richtigen Umgang mit dem Fahrzeug.“

Reichlich Stoff für Diskussionen liefert das Vorhaben der Bundesregierung, die Führerscheinfreigrenze für Motorboote von fünf auf 15 PS anzuheben. Bis zu dieser Leistung benötigt der Skipper dann keinen Lappen mehr. Noch im Lauf des Jahres will das Bundesverkehrsministerium die entsprechende Verordnung ändern. „Vielleicht klappt das sogar noch in der Bootssaison bis Ende des Sommers“, zeigt sich ein Sprecher zuversichtlich. Doch wie dringend ist die Änderung überhaupt?

Versuch, den Wassersport zu fördern

Norddeutsche Abgeordnete, die naturgemäß näher am Wasser sind als Binnenländler, sehen in dem Vorhaben den Versuch, den Wassersport zu fördern. Mehr PS bedeutet gerade bei jüngeren Zeitgenossen mehr Attraktivität. Nicht umsonst verfügen etwa die in ausländischen Urlaubsregionen beliebten Jet-Skis (Wassermotorräder) über eine übertrieben starke Motorisierung von bis zu 340 PS.

Sicher ist aber auch: Herstellern, Händlern und kommerziellen Anbietern, die Sportboote verleihen, wird die neue Regel das Geschäft erleichtern. Und so frohlockt die Branche: Der Bundesverband Wassersportwirtschaft verkündete, dass die Schnelligkeit der Umsetzung „ein überaus positives Signal für unsere Branche ist und deren weitere positive Entwicklung nachhaltig fördern wird“.

Auf mehr Einnahmen hoffen

Auch Wiking-Chef Reissmann glaubt, dass gewerbliche Anbieter auf mehr Einnahmen hoffen können. Carsten Haas gehört zu ihnen. Seine Boot-Akademie bietet in Offenbach Kurse für Segel- und Sportbootführerscheine an und verleiht Boote. Auch er findet: „15 PS sind ordentlich Power auf dem Main.“ Den Fluss müsse man mit einer Autobahn vergleichen: „Dort sind Lkw unterwegs, Busse, Porsches, Transporter und eben auch Polos. Dass die Einhaltung von Regeln entscheidend ist, darüber brauchen wir nicht reden.“

Ohne Führerschein kenne man keine Ausweichregeln, kein Person-über-Bord-Manöver, wisse nicht, wie andere Verkehrsteilnehmer reagieren, wo Untiefen liegen, wie gefährlich Strömungen sind, wie Boote am Ufer anlegen. Und wer bringe einem eigentlich bei, wie man von Frankfurt nach Offenbach schleust?

Was auf einem See mit einer Einweisung prinzipiell erledigt sei, reiche auf einer schmalen, relativ stark befahrenen Wasserstraße nicht aus, sind sich Vereins-, Behörden und Gewerbevertreter einig. „Und wenn man weiß, was Wassersportler stört, spielen fünf oder 15 PS am Ende keine Rolle“, ist Reissmann überzeugt. „Lieber sollten alle entsprechend ausgebildet sein und verantwortlich miteinander umgehen.“

Wellenschlag anderer Boote

Kaum etwas ist bei Kanuten und Ruderern mehr gefürchtet als der Wellenschlag anderer Boote. Entscheidend seien hier, so Reissmann, nicht nur die Leistung, sondern auch die Länge und Form des Bootsrumpfs. So sei es manchmal sogar sinnvoller, mit stärkeren und längeren Booten ins Gleiten zu kommen, so dass bestensfalls nur noch die Schraube im Wasser verbleibt und der Rumpf herausragt. „Das erzeugt am wenigsten Wellen.“

Vera Heintze vom ORV hat sich schon oft darüber geärgert, dass Kapitäne an ihren Steganlagen vorbeiheizen und die Segelboote ordentlich durchschaukeln. „Der Sog- und Wellenschlag macht auch uns zu schaffen“, ergänzt Klaus Mackeprang vom Segelclub Undine.

Als es bis vor ein paar Jahren noch zwei Beachclubs im Frankfurter Osten und auf der Offenbacher Hafeninsel gab, unternahmen manche Besucher, die auf dem Wasser angereist kamen, ein regelrechtes Schaulaufen, berichtet Mackeprang. „Die wollten Eindruck schinden und sind mit enormen Dampf an uns vorbeigerauscht.“ Die Folge: beschädigte Boote.

Ruderboote, Kanufahrer, Sportboote

Solche Gefahren im Blick hat Paul Marcus Schäfer vom Wasser- und Schifffahrtsamt Aschaffenburg. „Vor allem der Untermain wird von der Berufsschifffahrt stark frequentiert“, weiß er. „Da sind Zugverbindungen von 190 Metern Länge unterwegs, hinzu kommen Ruderboote, Kanufahrer, Sportboote.“ Zehn bis zwölf Millionen Gütertonnen werden jährlich an Offenbach vorbei bewegt, transportiert von 15 000 Güterschiffen. Und: Der Main ist in Offenbach gerade mal an die 120 Meter breit. „Nicht viel Platz, um auszuweichen...“

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Änderungen auf dem Wasser

Bisher hat es zwar, berichtet die zuständige Wasserschutzpolizei Frankfurt, nicht auffällig viele Unfälle mit Freizeitbooten gegeben. Ob das so bleibt, wird sich aber erst noch zeigen. Elmar Biesel von der hessischen Wasserschutzpolizei in Mainz-Kastel betont, dass statistisch ausgewertet wird, welche Konsequenzen die Regelung in der Praxis hat. Und er warnt: Geschwindigkeitsüberschreitungen können mit Laserpistolen und Funkstoppmessverfahren auch auf dem Wasser geahndet werden. ‹ Hintergrund

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