Mehr Millionen gibt’s nicht

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Sänger Berry Blue (Siegfried Bäuerle-Keßler, mit Sohn Julian an der Gitarre) bestritt das musikalische Programm des Neujahrsempfangs und hatte in seinem Filmschlager-Repertoire textlich Passendes parat: „Ich brauche keine Millionen“, will Stadtkämmerer Michael Beseler bald von Klinikchef Hans-Ulrich Schmidt hören, die Eingangszeilen treffen auf den städtischen Kassenwart zu: „Ich hab’ im Anzug viele Taschen, und in den Taschen ist nichts drin...“

Offenbach ‐ Das Wort des Abends trägt Professor Norbert Rilinger vor. Der Ärztliche Direktor des Klinikums Offenbach begrüßt die sehr zahlreichen Gäste des Neujahrsempfangs im Rathaus und kommt auf die Gesundheitsreformen zu sprechen – „Notpflaster“, die immer bizarrere Namen erhielten. Von Thomas Kirstein

Das nächste, scherzt der Mediziner, heiße dann wohl „Gesundheitskostensenkungs-Erlösstabilisierungs-Versorgungsstrukturoptimierungs-Zukunftssicherungs-Beitragsanpassungsgesetz.“

Der Bandwurm-Begriff enthält Elemente, die sich auch der Offenbacher Gesundheitseinrichtung am Starkenburgring als Aufgabe stellt: Senkung der Kosten, Stabilisierung der Erlöse, Optimierung der Strukturen, Sicherung der Zukunft. Letzteres unter dem Vorzeichen „kommunal“, wie die Redner immer wieder betonen. Eine Privatisierung, wie sie droht, wenn sich die wirtschaftliche Lage nicht bessert, soll mit allen Anstrengungen verhindert werden. Das betonen Professor Rilinger und der Krankenhausdezernent, Stadtkämmerer Michael Beseler. Wie, verrät vor dem Gang zum Büffet Geschäftsführer Hans-Ulrich Schmidt in seinem Beitrag „2011 als Jahr der Entscheidung über die Zukunft der Klinikum Offenbach GmbH“: Power Point zum noch offenen Showdown.

Es steht nicht rosig um die Finanzen

Es steht nicht rosig um die Finanzen des Krankenhauses, das weiß jeder; der schöne Abend wird jedoch nicht durch Offenbarung des letztjährigen Defizits verdorben. Es soll beträchtlich sein, heißt es am Rande. Aber es regiert der Optimismus, dass der Ausgleich auf Dauer zu schaffen sein wird.

So wie auch die große Herausforderung des vergangenen Jahres gemeistert wurde. Nach drei Jahren Planung und nur drei Jahren Bauzeit konnte das neue, 160 Millionen Euro teure, Klinikum bezogen werden. Norbert Rilinger spricht von einer „logistischen Großtat“, 2000 Mitarbeiter und 180 Ehrenamtliche von Rettungsdiensten wirkten an zwei Tagen mit.

Das Haus gehöre nun zu den modernsten Kliniken Deutschlands, betont Rilinger. Nicht nur wegen des Baukörpers, der Logistik und der medizinischen Infrastruktur, sondern auch wegen einer nahezu komplett veränderten betrieblichen Organisationsstruktur. Einen „kardinalen Paradigmenwechsel“ erkennt der Ärztliche Direktor.

Mitarbeiter sind spürbar in Sanierung eingebunden

Der Wandel im Innern wiederum soll der viel beschworenen Wirtschaftlichkeit und dem Erhalt der kommunalen Trägerschaft dienen. Die Eigentümerin, die Stadt Offenbach, hat auf Beschluss der Stadtverordneten im vergangenen Jahr das Überleben mit 30 Millionen Euro gesichert. Stadtkämmerer Michael Beseler sagt es deutlich: „Die Stadt erwartet, dass dies die letzte Finanzspritze war. Die Stadt erwartet von der Geschäftsführung und den Mitarbeitern, Mittel und Wege zu finden, von nun an erfolgreich als kommunales Krankenhaus der Maximalversorgung zu bestehen.“

Zu diesem Zweck, das weiß Beseler, werden bereits Abläufe und Gewohnheiten zur Disposition, angestammte Strukturen in Frage gestellt, alte Rechte wie außertarifliche Leistungen beschnitten. Heißt: Die Mitarbeiter sind für sie spürbar in die Sanierung eingebunden.

Allerdings nützt alles Sparen und Optimieren nichts, wenn die Geldbringer fehlen. Klinikchef Schmidt stellt den Gästen des Neujahrsempfangs dar, wie immer weniger Patienten ins Klinikum kamen: 2008 noch knapp 33.000, 2009 nur noch 32.000 - der marode Altbau schreckte ab, 2010 sinkt die Fallzahl weiter, der mehrfach verschobene Umzug wirkt sich aus, ebenso ein Ärztestreik. Seit Juni 2010 geht es wieder aufwärts.

Im Juni öffnet das „RehaZentrum MediClin“

Im „Jahr der Entscheidung“ will Schmidt die „rote Null“ erreichen, also die operativen Ausgaben mit den Einnahmen decken, Abschreibungen und Zinsen sollen ab 2013 erwirtschaftet werden. Das Programm dazu heißt „Fit im Neubau“, beinhaltet Projekte zur Kostensenkung, Kooperationen mit anderen Kliniken, Veränderungen der internen Prozesse.

Und Anstrengungen, mehr Patienten ins Haus zu bringen. Die erschöpfen sich nicht darin, an die niedergelassenen Ärzte zu appellieren, häufiger an die Klinik vor der Haustür zu überweisen. Hans-Ulrich Schmidt kündigt im Rathaus auch an, welche neuen Einrichtungen die Erlöse steigern können:

Im Juni öffnet in der umgebauten ehemaligen Kinderklinik das privatbetriebene „RehaZentrum MediClin“ mit 50 Betten. Bereits am 15. Februar ist Einweihung einer zusätzlichen Klinik mit 20 Betten, der Medizinischen IV, in der unter Leitung von Chefarzt Professor Henryk Dancygier hämatologische (Blut) und internistisch-onkologische (Krebs) Erkrankungen behandelt werden. Das bestehende Ambulante Onkologische Zentrum wird in Kooperation mit niedergelassenen Ärzten erweitert. Schon seit 1. Februar im Angebot ist die „Wahlleistungsstation“, deren Patienten ihren Krankenhausaufenthalt durch von den Privatkassen bezahlte Zusatzleistungen angenehmer gestalten können.

Noch nicht vom Tisch ist für Hans-Ulrich Schmidt das Thema Fusion. Das will er gelassen angehen, wenn in anderen Kommunen die Offenheit dafür nicht mehr durch Kommunalwahlen belastet wird. Momentan aber streckt kein potentieller Partner die Hand nach Offenbach aus.

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