Knöllchen-Studie belastet Offenbacher

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Offenbach ist wieder einmal „Spitze“ - in keiner deutschen Großstadt ist die Strafzettel-Quote höher.

Offenbach - „Sie fahren am schlechtesten“ - hieß es vor wenigen Wochen. Jetzt wurden die Offenbacher als „Knöllchen-Könige“ ausgeguckt. Alles nur Vorurteile? Oder ist doch was dran an den Ergebnissen der Statistiken? Von Peter Schulte-Holtey

Offenbach ist wieder einmal „Spitze“ - laut Statistik. Nirgendwo in deutschen Landen (also in Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern) ist die Strafzettel-Quote höher. Zumindest behaupten dies die Verantwortlichen einer Untersuchung des „Zeit-Magazins“. Sie bestätigen damit, was wohl längst viele Bürger in der Stadt denken: „Wer in Offenbach mit dem Auto unterwegs ist, muss besonders aufpassen. Überall wird abgesahnt.“

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Umgehend wird an eine im September vorgestellte Studie des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft erinnert. Darin hieß es: Offenbacher „bauen“ die meisten Unfälle im Bundesland; demnach verursachen hessenweit Autofahrer aus Offenbach-Stadt am häufigsten Zusammenstöße mit hohen Sachschäden. Die Ernüchterung war groß: „Der für die Kfz-Haftpflichtversicherung ermittelte Schadensindex für die Stadt liegt um 22,8 Prozent über dem Bundesdurchschnitt. Deshalb sind die Offenbacher bei der Haftpflicht die einzigen Hessen in der Regionalklasse 12 mit den höchsten Versicherungsprämien“, hieß es.

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Stadt-Sprecher Matthias Müller will das „so nicht stehen lassen“. Er äußerte bereits massive Zweifel an den Grundlagen der Statistiken. Auch nach dem Blick auf die Ergebnisse der aktuellen Studie des „Zeit-Magazins“ hat er Bedenken: „Seit Jahren sinkt doch die Zahl der Knöllchen in unserer Stadt“, betont er. „Wie soll das zusammenpassen!“ Schützenhilfe kommt ausgerechnet aus Frankfurt. Sabine Götz, Sprecherin des Automobilclubs von Deutschland (AvD), sagte unserer Zeitung: „Wir gehen, um es mit dem Grundsatz ,im Zweifel für den Angeklagten‘ zu halten, davon aus, dass die Offenbacher auch nicht undisziplinierter sind, als Autofahrer in anderen Städten.

Zugleich gibt die Verkehrsexpertin zu bedenken: „Die nun im ,Zeit-Magazin’ veröffentlichte Deutschlandkarte mit der relativ hohen Knöllchen-Quote könnte jedoch darauf hindeuten, dass die Kontrolldichte in Offenbach besonders hoch oder aber die Parkplatznot in bestimmten Vierteln der Stadt besonders groß sind. Das wurde allerdings nicht näher untersucht, und auch die Stadt Offenbach macht momentan keine Angaben dazu, wie viele Ordnungshüter im Einsatz sind.

Kritiker der Verkehrspolitik fühlen sich bestätigt

Andere bombardieren die Statistiker gleich mit dutzenden Fragen, die offenbar nur ein Ziel haben: Zweifel an der Aussagekraft säen. So heißt es: Kontrollieren die in anderen Städten einfach nicht so akribisch? Gibt es vielleicht kaum Parkverbote? Behindertenparkplätze? Einfahrten? Gehwege? Ladezonen? Oder andere gefährlich verbotene Stellen, auf denen ich mein Fahrzeug gerne abstelle. Oder sind die Ordnungshüter etwa freundlicher?

Fest steht: Kritiker der Verkehrspolitik in deutschen Kommunen werden sich durch die neue Knöllchen-Hitliste bestätigt fühlen. Sicherheit im Straßenverkehr diene ja oft nur als Vorwand für staatliche Abzocke, rügen sie. Bundesländer und größere Kommunen würden ja bereits bei der Haushaltsplanung Einnahmen aus Verwarnungen und Bußgeldern in den Etats voraussetzen. „Das Geld muss dann auch ‚eingespielt‘ werden. Da kann es durchaus vorkommen, dass ein Dienststellenleiter seine Mannschaft zu häufigeren Kontrollen auffordert, weil man bei den Verwarnungen zurückliege“, heißt es in den Attacken.

„Keine Hinweise auf Verstöße gegen Grundsätze.“

Für Ulrich Fried, Landesvorsitzender vom Steuerzahlerbund, ist klar, dass die Verkehrsüberwachung ausschließlich das Ziel verfolgen sollte, die Verkehrssicherheit zu gewährleisten. „Die Erzielung von Einnahmen für die Kommunen darf nicht im Vordergrund stehen“, sagte er unserer Zeitung. Zugleich stellte er Hessens Städten und Gemeinden in „Sachen Bußgelder“ ein gutes Zeugnis aus: „Uns liegen keine Hinweise darauf vor, dass die Kommunen gegen diese Grundsätze verstoßen. Nach unserer Kenntnis leiten sich die Haushaltsansätze für Verwarnungen und Bußgelder in der Regel aus den Erfahrungswerten der Vorjahre ab.

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Bei den Reaktionen im Netz - beim Internet-Auftritt unserer Zeitung www.op-online.de und bei www.zeit.de - gingen die Meinungen auseinander. Es sei ja gut möglich, „dass dort, wo die meisten Knöllchen verteilt werden, die Überwachung am perfektioniertesten ist, weil die Stadtkasse auf die Einnahmen besonders angewiesen ist. Man denke an die Offenbacher Finanzsituation“, lautet ein Einwurf. Andere fordern Oberbürgermeister Horst Schneider zum Sparen auf - oder stellen fest: „Wenn man sonst keine Einnahmen hat und auf Almosen von Bund und Land angewiesen ist, dann reizt man eben das aus, was man hat.“ Auch massive Zweifel an der Statistik wurden geäußert, die sich ja lediglich auf in der jeweiligen Stadt gemeldete Fahrzeuge bezieht. So meint ein Online-Kommentar-Schreiber: „Wo mehr Menschen pro Quadratkilometer anwesend sind, da werden mehr Straftaten und Ordnungswidrigkeiten begangen. Die Daten der Meldestellen helfen also wirklich nicht weiter, um die tatsächlichen Verhältnisse realistisch einzuschätzen. Daher sind die meisten Bußgeld- und Kriminalstatistiken aussagelos.

Falschparker, die Dutzende Knöllchen in Kauf nehmen

Es bleibt ein wichtiges Thema, das unter Umständen auch die durch den zweifelhaften Titel „Knöllchen-König“ im Misskredit gebrachten Offenbacher wieder beruhigen könnte: Halten sich Autofahrer in Orten mit mehr Strafzetteln dann doch besser an die Regeln? Automobilclub-Sprecherin Götz: „Wir beobachten, dass die ,Schmerzgrenze’ jedes einzelnen doch sehr unterschiedlich ist. Einige Autofahrer achten bereits nach einem Knöllchen verstärkt darauf, wo sie parken. In diesen Fällen könnte man also davon sprechen, dass Strafzettel eine abschreckende Wirkung haben. Es gibt jedoch auch immer wieder notorische Falschparker, die dutzende Knöllchen in Kauf nehmen und dementsprechend hohe Summen zahlen. Die nun veröffentlichte Umfrage könnte aber dazu führen, dass die Offenbacher in den kommenden Wochen genau hinschauen, wo sie parken und ob es dort auch wirklich erlaubt ist.

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