See und Mensch erholen sich

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Gestern am Schultheisweiher: Offizielle sehen die Zukunft des Sees als Erholungs- und Naturschutzgebiet positiv.

Offenbach - Der Sonntag wird nass. Von innen; so ein „Tag der Arbeit“ dient bekanntlich vielen dazu, die Arbeit mittels ein bis zehn Schöppchen bei einem Frischluftfest zu vergessen. Von Marcus Reinsch

Vielleicht von oben, wobei die Niederschlagswahrscheinlichkeit momentan noch bei allen Wetterfröschen gen Null tendiert. Und zweifellos von unten. Denn am 1. Mai beginnt am nach fünf Jahren allen Anzeichen zufolge ökologisch erfolgreich sanierten Schultheisweiher die Badesaison.

Nicht, dass Schwimmer und Planscher jemals auf eine offizielle Erlaubnis gewartet hätten. Schon am Osterwochenende entriegelten kulante städtische Gebäudemanager Klohäuschen und Duschen am See im Naturschutzgebiet zwischen Bürgel und Rumpenheim, während erholungswillige Hundertschaften nicht nur die Liegewiese bevölkerten. Zum Saisonstartschuss am Sonntag wird die komplette Infrastruktur in Betrieb sein, wie Bürgermeisterin Birgit Simon gestern bei einem Ortstermin ankündigte.

Baden ist täglich zwischen 10 und 20 Uhr genehmigt

Bedeutet: Baden ist dann täglich zwischen 10 und 20 Uhr genehmigt, Badeaufsicht, Rettungsdienst und Sicherheitsfirma werden vor Ort sein. Das Stadtgesundheitsamt hat im Vorfeld seine Fühler ausgestreckt, wichtige Indikatoren wie ph-Wert, Bakterien- und Algendichte und Wassertemperatur (18,3 Grad am Mittwoch) für gut befunden und die Freigabe erteilt. Die Menschen dürfen also kommen.

Das werden sie. Und sie werden Veränderungen bemerken. Das Umweltamt hat einige Kosmetik am Weiher betrieben. Bisher auf viele Masten verteilte Hinweisschilder sind jetzt auf wenige konzentriert. Viele Büsche im freigegebenen Bereich, das Schilf und die stacheligen Brombeerhecken am Ufer wurden zurückgeschnitten, um statt Wildwuchsambiente wieder freie Blickachsen zu bekommen. Baumstümpfe wurden entfernt. Den nun breiteren Seezugängen wurde zusätzlicher Sand und Feinkies spendiert. Und Umweltamtschefin Heike Hollerbach berichtet von Pflege auf „so gut wie jedem Quadratzentimeter“, um den Sandstrand im Textilbereich aufzuwerten. Auf der Liegewiese gibt es drei neue Weiden, die aber wohl erst in einigen Jahren echten Schatten spenden werden. Um einige Badebuchten im FKK-Abschnitt und vielleicht auch um eine deutlichere Abgrenzung zwischen Nackten und Nichtnackten will sich die Stadt noch kümmern.

Badebetrieb wurde immer wieder eingestellt

Die Chancen, dass diese Badesaison tatsächlich eine durchgängige wird, stehen Hollerbach zufolge sehr gut. In den vergangenen Jahren hatte der Badebetrieb immer wieder eingestellt werden müssen, weil das ökologische Gleichgewicht des Sees kräftig ins Wanken gekommen war. Die Diskussion, ob Natur und Naherholung vor Ort überhaupt kompatibel sein können, zog sich über Jahre und endete mit der Entscheidung für eine fünfjährige und bisher einzigartige Seesanierung noch nicht.

Das Problem war menschengemacht. Einst im Weiher ausgesetzte Graskarpfen fraßen fürs Öko-System lebenswichtige Wasserpflanzen auf. Stattdessen wucherten Blaualgen, sogenannte Cyanobakterien, die Augen, Haut und Schleimhäute reizen und Magen-Darm-Probleme verursachen können.

Die Stadt fällte das Phosphat vor drei Jahren chemisch, holte seit 2006 bei 17 Abfischungen 2,6 Tonnen Graskarpfen aus dem Wasser, schüttete im Frühjahr 2010 alles in allem 8800 Kilo Kaliumchlorid hinein, was die Cyanobakterien beseitigte, mähte wuchernde Unterwasserpflanzen im Badebereich ab. Und jetzt wächst die Flora wieder - angesichts des sommerlichen Frühjahrs mit entsprechend hoher Wassertemperatur im flachen Schultheis schon fast zu flott. Aber das Wasser ist klar „und es breiten sich die richtigen Fische aus“, wie der Gewässerökologe Christian Schuller und andere Experten der Bürgermeisterin versichert haben.

Richtige Fische, das heißt: Schleien und 10000 von der Stadt eingesetzte Junghechte. Letztere sind Raubfische, nun allerdings auch selbst auf die Speisekarte geraten. Denn zur Freude der Ornithologen um Klaus Fiedler fühlen sich am Schultheisweiher neben Blesshühnern neuerdings Kormorane so wohl, dass es schon drei brütende Pärchen gibt. Das spreche dafür, dass das Naturschutz- und EU-Vogelschutzgebiet nicht gut, sondern besser geworden sei, sagt Fiedler. Und für „Fischbestandserhebungen“, ergänzt Hollerbach.

Also alles wieder im Gleichgewicht? Erstmal ja. Nach der Sanierungsphase wird nun drei Jahre lang ständig gutachterlich beprobt, überwacht, analysiert. Und bis auf Weiteres gefürchtet, dass das gerade auf der gegenüberliegenden Mainseite genehmigte Allessa-Kohlekraftwerk noch ganz böse Auswirkungen auf den Schultheisweiher haben könnte.

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