Wie Messer, die niemals stumpf werden

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Zur neuen Tafel-Ausgabestelle an der Neusalzer Straße kommen immer mehr Menschen aus dem Offenbacher Süden. Manche sind schwerbehindert, hätten den Weg in die Krafftstraße nicht geschafft. Anderen fehlt schlicht das Geld für die Busfahrkarten.

Offenbach - Am ersten Mittwoch kamen fünf, am zweiten zehn, letzte Woche 30. Und wie viele Leute nächste Woche schon Schlange stehen werden, bevor sich die Tür öffnet, das wagen selbst diejenigen kaum zu schätzen, die die „Marktlage“ immer genau im Blick haben. Von Marcus Reinsch

Wäre dieser Laden einer wie jeder andere und würde den Statistikern in die Hände fallen, er könnte den als Gradmesser volkswirtschaftlicher Fitness berühmten Konsumklimaindex in selige Sphären katapultieren.

Ist aber kein Laden wie jeder andere, das kleine Kiosk unten im hässlichen Wohnklotz am Ende der Neusalzer Straße. Und vor allem mittwochs hat es mit volkswirtschaftlicher Fitness rein gar nicht zu tun. Denn dann ist es eine Dependance der Offenbacher Tafel. Die „verschenkt“, wenn möglich gegen einen symbolischen Euro, Lebensmittel an Menschen, die wenig bis nichts haben. Und deshalb ist auch nicht ganz klar, ob diese enormen Zuwachsraten bei der „Kundschaft“ nun gute Zahlen sind oder schlechte.

Viele hungern lieber, als zur Tafel zu gehen

Beides, vermutlich. Gute sind es, weil das Tafel-Team seit dem ersten Ausgabe-Termin in der Neusalzer Straße vor sechs Wochen wieder von ein paar Dutzend Armen mehr weiß, dass sie und ihre Kinder regelmäßig etwas Anständiges zu essen bekommen. Schlechte Zahlen sind es, weil sie die Frage aufwerfen, ob diese Menschen vorher überhaupt etwas zu essen hatten und wie viele Leute es in Offenbach noch gibt, die im Zweifelsfall lieber aus Scham hungern, statt zur Tafel zu gehen. Es sind viele, das ist sicher. Und gemessen am Sozialbericht machen auch die 220 Haushalte mit vielen hundert Menschen, die bei der Tafel-Hauptausgabestelle im Mariensaal an der Krafftstraße registriert sind, nur einen Bruchteil der armen Offenbacher aus.

Dieses Wissen lässt Christine Sparr und ihr gutes Dutzend Mitstreiter nicht los. Immer, wenn sie glauben, dass sie fünf Jahre nach Gründung des Offenbacher Ablegers der Frankfurter Tafel von keinem Elend mehr umgehauen werden können, beweist ihnen ein Neuzugang das Gegenteil. Christine Sparr, Frontfrau der Tafel, verschwindet dann manchmal kurz, trocknet ihre Tränen und schaut, was sie tun kann.

Tafel bekommt Ferdinand-Kallab-Preis

Das ist das Besondere an den Menschen von der Tafel, dass sie zu Gleichgültigkeit nicht fähig sind, dass sie niemals abstumpfen wie diese Billigmesser aus dem Möbelhaus, die vor größeren Aufgaben kapitulieren. Und dafür bekommt die Tafel am 4. November den Ferdinand-Kallab-Preis der Stadtverordnetenversammlung. Stadtverordnetenvorsteher Erik Lehmann wird es leicht fallen, für seine Laudatio Parallelen zwischen dem Engagement der Tafel und dem des Mediziners Ferdinand Kallab (1888-1979) zu finden. Der Arzt behandelte seinerzeit die Kinder des Theresien-Kinderheims ohne Honorar, und auch Christine Sparr und ihr Team widmen ihre ganze Kraft den schwächsten Mitgliedern der Gesellschaft.

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