Prozessauftakt zu Messerstecherei

Wer zugestochen hat, ist weiterhin ungeklärt

+
Foto vom 5. April 2014: Die Treppe, auf der das Opfer verblutete, ist abgeschirmt.

Offenbach/Darmstadt - Lächelnd betritt Pajazit H. den Gerichtssaal, mit kurzen Blicken erforscht er den durch eine Glasscheibe abgetrennten Zuschauerraum. Drei Verteidiger nehmen den Mann aus den Handschellen des Wachtmeisters in Empfang. Von Silke Gelhausen-Schüßler

Anzeichen der fünfmonatigen Untersuchungshaft oder Spuren von Reue: Fehlanzeige. Und dass der 40-jährige wirklich derjenige ist, der am frühen Morgen des 5. April einen zwei Jahre jüngeren Mann an der Ecke Berliner Straße/Schlossstraße mit sechs Messerstichen tödlich verletzt hat (wir berichteten), ist nach dem ersten Verhandlungstag im Landgericht Darmstadt alles andere als sicher. Oder vielleicht treffender: nicht beweisbar.

Lesen Sie dazu auch:

Polizei schnappt mutmaßlichen Messerstecher

Nicht ohne Grund hat der Vorsitzende Richter Volker Wagner, der als Freund von „kurzen Prozessen“ bekannt ist, für den einfachen Sachverhalt acht Verhandlungstage eingeplant. Denn zwei Umstände versprechen eine schwierige Wahrheitsfindung: Der Angeklagte macht keine Angaben zur Tat oder seiner Person. Und er ist nicht der Einzige, der dem Opfer das Messer in Brust und Bauch gerammt haben könnte. Denn obwohl zur Tatzeit mindestens 15 weitere Personen in unmittelbarer Nähe waren, die von der Polizei sofort nach der Tat befragt wurden, können die wenigsten Angaben zum genauen Ablauf machen.

Als sicher gilt bislang nur, dass Pajazit H., genannt „Xiti“, mit zwei bis drei weiteren Männern an dem Angriff beteiligt war. Wer zustach, ist bislang ungeklärt. Die Tatwaffe mit ihrer neun Zentimeter langen Klinge konnte nicht gefunden werden. Sie durchtrennte die linke Lungenschlagader des Opfers, in dessen Folge drei Liter Blut in die Brusthöhle austraten. Nezvad G. konnte sich noch bis auf das erste Plateau der Außentreppe schleppen, dort verblutete er vor der Ankunft des Notarztes. Die Treppe führt in die Ladenpassage des Wohnhauses Schlossstraße 20, wo sich unter anderem ein Club befindet, der Treffpunkt für Migranten aus den Balkanländern ist.

Messerstecherei in Offenbacher Innenstadt

Toter Mann in Innenstadt gefunden

Alle Zeugen befanden sich bis kurz vor der Tat in diesem Club, viele davon sprechen kein Deutsch, waren teils nur zu Besuch in Offenbach. Auf zwei Videos der Passage-Überwachung sind zig Personen zu erkennen, die zur Tatzeit aufgeregt hin und her rennen. Ob der Angeklagte unter ihnen ist, lässt sich auf den ersten Blick aufgrund der Bildqualität schwer sagen.

Der Tat voraus gegangen sein soll ein Streit zwischen den Clubgästen. Angeblich ging es dabei um zwei Frauen. Möglich sind jedoch auch Ressentiments zwischen Volksgruppen: „Xiti“ gehört einer albanischen Minderheit in Serbien an; das Opfer stammte aus einer mehrheitlich von Bosniaken bewohnten Region, welche an den Kosovo grenzt. Der Prozess wird Ende Oktober fortgesetzt.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion