Diebstahl

Gräber geschändet: Metalldiebe plündern Friedhof jahrelang

Von Frank Sommer

Vor Dieben geschützt: Das lebensgroße Ikarus-Relief ist in der Alten Trauerhalle auf dem Alten Friedhof in Offenbach ausgestellt und gut gesichert.

Über Jahre hinweg plündern Metalldiebe systematisch den Alten Friedhof in Offenbach. Die übrigen Kunstwerke sind nun alarmgesichert.

Offenbach – Wer die frisch renovierte Trauerhalle auf dem Alten Friedhof betritt, dem fällt ein großes Relief an der linken Wand auf: Der lebensgroße, zur Erde gestürzte Ikarus zierte sonst das Grabmal von Hans Opel nahe des Eingangs des Friedhofs. Doch nun hat er hier seine Bleibe gefunden, gut gesichert vor Dieben. „Bei einem Kontrollrundgang vor einem Jahr habe ich beschlossen, das Relief abmontieren und einlagern zu lassen, bis wir es hier aufhängen können“, sagt Gabriele Schreiber, Leiterin der städtischen Friedhöfe, „den Ikarus sollen sie uns nicht auch noch stehlen.“

Denn dem denkmalgeschützten Alten Friedhof haben Metalldiebe in den vergangenen zehn Jahren arg zugesetzt: Praktisch alles, was es an metallenen Skulpturen, Zäunen, Ketten, Schalen, sonstigen Gegenständen oder Kunstwerken gab, wurde systematisch gestohlen.

Alter Friedhof in Offenbach: Skulpturen von Dieben gestohlen

Wer offenen Auges über den Friedhof läuft, entdeckt fast überall metallene Schrauben, die aus Steinen hervorragen oder leere Haken an Umfassungsmauern: Hier waren einst Skulpturen oder Umfassungen aus Metall befestigt, doch sind diese längst Dieben zum Opfer gefallen.

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„Praktisch alles, was aus Buntmetall war, ist weg - das wenige, was uns geblieben ist, haben wir aufwendig alarmgesichert“, sagt Schreiber. Etwa das Ikarus-Relief oder die Türen vom Krumm-Mausoleum. Wenn noch einzelne Metallskulpturen übrig geblieben sind, dann handelt es sich um sogenannte Galvanoplastiken: Gipsfiguren mit einem hauchdünnen Metallüberzug. „Von Metallwert kann man da eigentlich nicht reden – trotzdem haben wir die Figuren gesichert“, sagt Schreiber. Die verrosteten schmiedeeisernen Zäune an manchen Gräbern sind von sich aus sicher, da sie keinerlei Metallwert haben.

Offenbach: Gestohlenes Metall „sicher längst eingeschmolzen“

Auf dem Alten Friedhof liegen die Grabstätten gerade auch besonders verdienstvoller Offenbacher Bürger, etwa der Familie d’Orville, der Familie Weintraud oder von Ludo Mayer: Die Beschädigung dieser Gräber hat dann auch eine historisch-künstlerische Dimension. So wurden vor einigen Jahren nicht nur die beiden bronzenen Schalen von der Grabstätte Weintraud gestohlen, auch das massive Relief, das die Urnenkammer abdeckte, wurde abmontiert. „Eines morgens sahen wir die Urnen frei stehen, die Abdeckung war gestohlen“, erinnert sich Schreiber. Eine schmucklose Platte muss seitdem die Urnen schützen, „die einst kunstvoll verzierte Platte ist längst eingeschmolzen“, ist sich Schreiber sicher.

An der Grabstätte Weintraud wurde die verzierte Abdeckung der Urnenkammer gestohlen, eine schlichte Platte muss als Ersatz dienen.

Auch die einst bekannte Flugzeug-Skulptur vom sogenannten Fliegergrab Müller ist längst gestohlen, nur noch drei Metallstreben erinnern daran, dass hier einst ein metallenes Flugzeug befestigt war. Kupferne Ketten, wie sie einst an vielen Grabmalen üblich waren, sind keine mehr auf dem Friedhof zu finden, nur leere Haken finden sich an vielen Stellen. „Selbst das dünne Blechdach, mit dem wir die modernen Urnenwände gesichert haben, wurde abgedeckt“, sagt Schreiber, „wir haben dafür nun Plastik montiert – das bleibt hoffentlich drauf.“

Friedhöfe als Ziel von Metalldieben: Offenbach kein Einzelfall

Ein auf Offenbach begrenztes Phänomen ist der Diebstahl nicht: In den vergangenen zehn Jahren waren bundesweit Friedhöfe Ziel von Metalldieben. „Wir tauschen uns untereinander aus und man konnte beobachten, dass vom südlichsten Bayern bis hoch an die Küste überall Metall im großen Stil gestohlen wurde“, sagt Schreiber. Besonders spektakulär waren in der Region die Diebstähle von Ehrengräbern in Hanau oder Darmstadt, die Aufklärungsquote ist gering.

Schon der Diebstahl von Blumen ist für Hinterbliebene schockierend, wie Schreiber aus ihrem Alltag weiß, die Schändung von Gräbern umso schlimmer. So hat ein Nachfahre die Grabstätte Hauck am Eingang des Friedhofs vor einigen Jahren von allem Metall räumen lassen, nachdem dort mehrfach die kupfernen Umfassungsketten gestohlen wurden und Diebe versuchten, das Dach abzudecken. „Der Denkmalschutz war entsetzt, aber ich kann den Ärger und die Enttäuschung verstehen“, sagt Schreiber.

Gestohlene Kunstwerke auf Altem Freidhof in Offenbach: „Für immer verloren“

Bei Anfragen rät die Friedhofsverwaltung inzwischen, kein Metall mehr bei Gräbern zu verwenden. „Ich sage immer, die Leute sollen auf Ton oder Keramik zurückgreifen bei Schalen oder Lampen – die Gefahr durch Diebe ist einfach zu groß.“ Verdächtige Tätigkeiten auf den Friedhöfen sollten immer gemeldet werden, sagt sie. „Für das, was uns gestohlen wurde, kommt der Rat aber zu spät – die gestohlenen Kunstwerke sind für immer verloren.“ (Frank Sommer)

Ende letzten Jahres erhitzte der desaströse Zustand der Trauerhalle auf dem Neuen Friedhof in Offenbach die Gemüter.

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