Marode Bausubstanz

Aus für die Milchhofsiedlung

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Ihr Anblick ist nur noch zeitlich begrenzt: Die 1936 auf 4000 Quadratmetern erbaute Milchhofsiedlung wird abgerissen.

Offenbach - Tausende Menschen fahren täglich an ihnen vorbei, acht gelben, von Sandsteinmauern mit Torbögen umgebenen Häusern mit braunen Holz-Fensterläden. Von Veronika Szeherova

Alte Offenbacher kennen die Siedlung, an der sich die Hauptverkehrsadern Odenwaldring und Sprendlinger Landstraße kreuzen, als Milchhofsiedlung. Doch ihr Anblick ist zeitlich begrenzt. Der Abriss der Mietshäuser ist wegen Baumängeln fest beschlossen.

Wann genau die Abrissfahrzeuge anrücken, steht indes noch nicht fest. Im Vordergrund steht für die Baugenossenschaft Odenwaldring, der die Häuser gehören, dass die Mieter gut unterkommen. „Wir gehen nicht mit dem Holzhammer vor, sondern im Einvernehmen mit unseren Mietern“, betont Reinhard Abraham, einer der beiden Geschäftsführer.

Baugenossenschaft verliert jährlich 60.000 Euro an Einnahmen

Seit fünf Jahren werde über die Erhaltung der Häuser diskutiert, die Mieter seien vorab bei Versammlungen informiert worden. Viele hätten einen Wohnungstauschantrag gestellt. „Wer jahrzehntelang hier lebt, dem fällt es schwer, sich für eine neue Wohnung zu entscheiden“, weiß Abraham. Freigewordene Wohnungen wurden nicht weitervermietet, wodurch die Baugenossenschaft jährlich 60.000 Euro an Einnahmen verliere. Mittlerweile stehen 24 der 41 Wohnungen leer.

Hunderttausende Euro wurden laut Geschäftsführer bisher für Reparatur und Überprüfung ausgegeben. Gern hätte man das 1936 erbaute Ensemble erhalten, doch der bautechnische Verfall sei so groß, dass ein Neubau wirtschaftlicher sei. „Die Häuser setzen sich, es gibt erhebliche Risse. Wir mussten schon die vermoderten Balkone abreißen.“ Der Zahn der Zeit hat stark genagt an Substanz und Fundamenten der günstig erbauten, als Kleinwohnungsbau für ärmere Schichten gedachten Siedlung. Entworfen von Architekt Peter Petermann, sollte ihre Gestaltung der Volkserziehung dienen und den Bewohnern bürgerliche Werte wie Fleiß und Disziplin näherbringen. Damit ist sie geschichtlich bedeutend und steht unter Denkmalschutz.

Ohne Zustimmung kein Abriss möglich

Ohne Zustimmung der Denkmalschutzbehörde ist kein Abriss möglich. Die Genehmigung erteilte sie nach gründlicher Prüfung. „Denkmalschutz muss zumutbar sein“, sagt Helmut Reinhardt, Leiter der Unteren Denkmalschutzbehörde. In einem Fall wie diesem, wenn die Kosten für die Erhaltung den Rahmen sprengten und nicht durch Zuschüsse aufzufangen seien, müsse man nachgeben. „Eine extrem vernünftige und nachvollziehbare Entscheidung“, so Abraham.

Etwa 50 neue Wohnungen plant die Baugenossenschaft an Stelle der Milchhofsiedlung. Die meisten haben zwei Zimmer und sind im Schnitt 60 Quadratmeter groß. Aufgrund ihrer Lage an vielbefahrenen Straßen und unter der Einflugschneise müssen sie verschärfte Auflagen für Schallisolierung erfüllen – die in den jetzigen Wohnungen nicht gegeben sind. „Es gibt leisere Gegenden“, so der Geschäftsführer. Doch die Erfahrung zeige, dass die Menschen dort gern leben. „Es sind gute Wohnungen fürs kleine Portemonnaie ohne übermäßigen Luxus. Das ist unsere Philosophie.“ Im Neubau werde es voraussichtlich eine Tiefgarage geben, zudem werde über alternative Heizformen nachgedacht.

Doch das ist Zukunftsmusik. „Es wird etwas dauern bis zum Abriss“, vermutet Abraham. „Aber diese Zeit sind wir unseren Mietern schuldig. Die Umstände sind für sie unangenehm genug.“

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