Milchhofsiedlung an Sprendlinger Landstraße

Die stabilere Schwester

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An der Rumpenheimer Straße an Bürgels Ortsausgang steht die denkmalgeschützte Klosterhofsiedlung.

Offenbach - Trotz Denkmalschutzes musste die Milchhofsiedlung an der Sprendlinger Landstraße fallen. Ihre Architektur aus den 30er Jahren findet sich aber noch fast spiegelbildlich an Bürgels Klosterhof. Von Thomas Kirstein 

Die Milchhofsiedlung ist nicht mehr. Nach 78 Jahren haben Bagger die Wohnanlage an der Ecke Sprendlinger Landstraße/Odenwaldring geschleift. 50 moderne Wohnungen der Baugenossenschaft Odenwaldring sollen in nächster Zeit ein laut Denkmaltopografie „gut erhaltenes Zeugnis des nationalsozialistischen Wohnungsbauwesens“ ersetzen.

Es war einmal: Die Milchhofsiedlung – hier ein Bild von Juli 2013 – wurde vergangenes Jahr abgerissen. In der Klosterhofsiedlung findet sich eine Mädchenskulptur des Bildhauers Paul Seiler. Den Milchhof schmückte ein römischer Junge.

Das heißt aber nicht, dass Offenbach auf diese Art Architektur „von geschichtlicher Bedeutung“ verzichten müsste. Tatsächlich hat die Milchhofsiedlung zwar keinen Zwilling, so aber doch ein jüngeres Geschwister in Bürgel. An der Rumpenheimer Straße findet sich ein nahezu identisches Ensemble: die Klosterhofsiedlung. Beide Wohnanlagen entwarf seinerzeit der Architekt Peter Petermann. In Offenbach wurde – damals außerhalb der Stadt an einem Feldweg – im Jahr 1936, in Bürgel 1937 gebaut. Die „Volkswohnungen“ hatten je zwei Zimmer, Küche, Keller, Speisekammer, Gas, Wasser und elektrisches Licht. Durch Torbögen zugängliche Anlagen boten große Bleich- und Trockenplätze. Erker oder Balkone sorgten für Abwechslung an den Fassaden.

„Die Gestaltung der Architektur wurde als Volkserziehung gesehen, und die Ausführung der Siedlungen in einer bescheidenen heimatlichen Bauweise sollte die Bewohner zu einer bürgerlichen Lebens- und Arbeitsweise in Fleiß und Disziplin führen“, heißt es im Topografie-Buch des Landesamts für Denkmalschutz zu den Gesamtanlagen XIV, Siedlung Sprendlinger Landstraße, und Siedlung Klosterhof an der Rumpenheimer Straße. Die „Licht-und-Luft“-Bau-Philosophie stammt jedoch nicht von den Nazis, sondern wurde von diesen aus der Gartenstadtbewegung übernommen und für ihre Ideologie missbraucht.

„Denkmalschutz muss zumutbar sein“

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Ein dreiviertel Jahrhundert später wurde bei Bekanntwerden der Abrisspläne umgehend die Frage aufgeworfen, wie die Niederlegung mit dem bestehenden Denkmalschutz in Einklang zu bringen sei. Der damalige Bauaufsichtschef Helmut Reinhardt erläuterte 2012: „Denkmalschutz muss zumutbar sein.“ Wenn Kosten für die Erhaltung den Rahmen sprengten und nicht durch Zuschüsse aufzufangen seien, müsse man nachgeben. Die acht Häuser mit 41 Wohnungen wären von der Baugenossenschaft Odenwaldring nicht mehr mit zumutbaren Mitteln zu erhalten gewesen, die Gebäude hatten sich gesetzt, durchs Mauerwerk zogen sich Risse.

Heute, nach dem Abriss, sagt Jürgen Lehmann, Vize-Leiter der Bauaufsicht, das Schicksal des Milchhofs sei aus Sicht des Denkmalschutzes schon ein herber Verlust. Aber mit vernünftigem Aufwand sei eben nichts mehr zu retten gewesen: „Es gab Standsicherheitsprobleme, Türen ließen sich nicht mehr öffnen. Die Gebäude zu ertüchtigen, wäre mit Kosten jenseits von Gut und Böse verbunden gewesen.“

Faustregel: Wenn die Erhaltung teurer wäre als ein Neubau, steckt der Denkmalschutz zurück. Aber das will nachgewiesen sein. Reinhard Abraham, Vorstand der Baugenossenschaft, berichtet, dass der Bauaufsicht über die Jahre viele Studien vorgelegt werden mussten.

Aber wie steht’s um die ebenfalls denkmalgeschützte Schwester in Bürgel? Die ist fast genauso alt und muss mit dem gleichen, in Mangelzeiten sehr sparsam verwendeten Material gebaut sein.

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Fachleute geben Entwarnung: Der Klosterhof steht wie eine Eins. Und das liegt im Wesentlichen an der geologischen Situation. Der Untergrund in Bürgel ist unkritisch, während der Milchhof auf einer relativ kleinen Toninsel lag. „Das Offenbacher Letsch-Problem“, sagt Abraham und meint damit die nachteiligen Eigenschaften des hiesigen Rupeltons, einer Bodenart, die im Westend auch andere Hausbesitzer plagt. Trocknet er aus, etwa durch Senkung des Grundwasserspiegels, beeinträchtigt das die Statik der auf ihm errichteten Gebäude.

An der vielbefahrenen und starken Vibrationen ausgesetzten Sprendlinger Landstraße haben zudem 70 Jahre alte Bäume dem Rupelton Feuchtigkeit entzogen, weiß Diplom-Ingenieur und Architekt Alexander Ramm.

Der Anlage in Bürgel attestiert der Technik-Vorstand der Baugenossenschaft Odenwaldring Standfestigkeit. Negative Einflüsse gibt es dort nicht, kein Rupelton, kein Baumbestand, kein übermäßiger Verkehr. Außerdem sind die Gebäude an der Rumpenheimer Straße viel besser gegründet, haben tiefere Keller – vielleicht wegen der geringen Entfernung zum Main, vermutet Ramm. Von der Substanz aus den 30er Jahren her gilt indes: Solche Häuser waren nicht für die Ewigkeit gebaut.

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